18.01.2011 | Ralf Rothenbusch
Wikis in der BaE für Tischler
Onlinegestütztes Lernen kann in vielen Einrichtungen mit wenig Aufwand ergänzend zum Tagesgeschäft umgesetzt werden. Einen guten Einstieg in den Bereich ermöglichen Wikis!
Bildungsbenachteiligte Jugendliche im Rahmen von Ausbildung oder Ausbildungsvorbereitung in E-Learning-Prozesse einzubinden, wird vielerorts noch immer belächelt. "Zu bildungsfern, kaum ausgeprägte Selbstlernfähigkeit und vor allem kein Durchhaltevermögen", so oder so ähnlich lauten Argumente, die gegen den Einsatz von digitalen Medien in der Benachteiligtenförderung genannt werden. Und tatsächlich ist der Einsatz digitaler Medien für diese bestimmte Klientel nicht unproblematisch. Computergestützte Lernszenarien sind nicht als Selbstläufer zu betrachten, die den Jugendlichen sich selbst überlassen zur Erreichung eines Berufsabschlusses führen. Mediengestütztes Lernen bedarf, wie jeder Lernprozess, einer Vorbereitung und einer Begleitung, die für das betreuende Personal mit Arbeit und Aufwand verbunden ist. Dennoch sollte es niemanden davon abhalten, Medien in Bildungsmaßnahmen für so genannte Benachteiligte einzusetzen. Dabei muss es sich nicht immer um riesige, komplexe Lernumgebungen handeln, die sicher zeitliche, finanzielle, aber auch fachliche Ressourcen vieler Einrichtungen an Grenzen bringen würden. Onlinegestütztes Lernen kann auch in vielen Einrichtungen mit wenig Aufwand ergänzend zum Tagesgeschäft umgesetzt werden.
An Mediennutzung Jugendlicher anknüpfen
Jugendliche da abzuholen, wo sie stehen, dürfte zumindest denen, die einmal Pädagogik studiert haben nichts Neues sein. Gemeint ist damit, Anknüpfungspunkte zwischen der Lebenswelt der Jugendlichen, ihren individuellen Voraussetzungen und dem Bildungsziel zu suchen, um dann gezielt Prozesse in Gang zu setzen, die eine Erreichung dieses Ziels möglich machen. Dabei verfügt die Zielgruppe durchaus über Kompetenzen, die diese Prozesse fördern helfen. Auch bei bildungsfernen Bevölkerungsgruppen stehen die Medien Computer und Internet hoch im Kurs. Erfahrungen im technischen Umgang mit diesen Hilfsmitteln ist also durchaus vorhanden. Außerdem wird der PC im Freizeitbereich für Kommunikation per Chat, Blogs und E-Mail genutzt. Warum also nicht einen Schritt weiter gehen und die Affinität zum Computer für Bildungsprozesse nutzen?
Wikis "im kleinen Rahmen"
Im Rahmen einer außerbetrieblichen Ausbildung zum Tischler nutzen wir dazu unter anderem Wikis.
Wikis sind Hypertexte, die auf einer entsprechenden Plattform präsentiert werden und von allen Mitgliedern der Lerngruppe nicht nur gelesen, sondern auch verändert werden können. Durch das gegenseitige Korrigieren, Ergänzen und Optimieren dieser Texte entsteht im Laufe der Zeit ein umfangreiches Nachschlagewerk. Dieses ist ein hervorragendes Mittel zur Vorbereitung auf Prüfungen.
Das bekannteste öffentliche Wiki dürfte wohl die freie Enzyklopädie Wikipedia sein, in der weltweit tausende von Autoren Wissen dokumentieren, bearbeiten und verbessern. Wikis sind aber auch und gerade im kleinen Rahmen sinnvoll zu nutzen, da überschaubare, thematisch sortierte Wissenseinheiten die Akteure nicht überfordern oder verschrecken.
Unterstützung kognitiver und methodischer Lernziele
Durch den Einsatz von Wikis sind eine Reihe von Lernzielen zu erreichen. Zunächst sind es kognitive Lernziele wie die Vermittlung von Faktenwissen beziehungsweise dessen Anwendung in der beruflichen Alltagspraxis. Kognitiv bezieht sich in diesem Zusammenhang auf die Erweiterung von intellektuellen Fähigkeiten/Fertigkeiten. Unsere Tischlerazubis erstellen zum Beispiel ein Wiki zum Thema "Werkzeuge der Holzbearbeitung". Darin werden die verschiedenen Werkzeuge (beispielsweise unterschiedliche Hobelarten) mit ihren Besonderheiten und deren Anwendung beschrieben. Das Wissen um Beschaffenheit und Arbeitsweisen von Werkzeugen stellt für die Tischler prüfungsrelevante Inhalte dar, auf die in der Phase der Prüfungsvorbereitung zurückgegriffen wird. Wikis können sicher nicht den praktischen Umgang mit dem Handwerkszeug ersetzen, sie können aber dazu anregen bestimmte Tätigkeiten zu reflektieren und Handlungsabläufe bewusster zu machen.
Daneben sind es weitere methodische Ziele, die die Arbeitsweise der Teilnehmerinnen und Teilnehmer betreffen eng mit den kognitiven Lernzielen verknüpft sind:
 | Mediengestütztes LernenDie zielgerichtete kompetente Nutzung von Medien gilt inzwischen als Schlüsselqualifikation. Die Arbeit mit Wikis stellt einen einfachen Zugang zum mediengestützten Lernen dar, da sie simpel zu handhaben sind und auch kleine Beiträge/Veränderungen zu einer Verbesserung des Gesamtergebnisses beitragen. |
 | Kritische Auseinandersetzung mit InhaltenDie Möglichkeit Beiträge anderer zu verbessern regt dazu an, sich kritisch mit den Inhalten auseinander zu setzen, um Textbeitrage zu optimieren, was somit der gesamten Gruppe zugute kommt. |
 | Kooperatives ArbeitenDie Verbesserung der Informationsbasis für die Lerngruppe und damit die Übernahme von Verantwortung für den Gesamterfolg ist dabei als kooperativer Gestaltungsprozess zu sehen. |
Lernortübergreifende Kooperation in Praktikumsphasen
Neben allen pädagogischen Begründungen gibt es aber auch ganz pragmatische Gründe für den Einsatz von Wikis. Gerade in Maßnahmen mit hohem Praktikumsanteil - wie bei der integrativen BaE der Fall - ist es nicht immer leicht, während der Praxisphasen den Kontakt zu den Jugendlichen zu halten, da sie auf verschiedene Betriebe verteilt sind und meist weder untereinander, noch zum Bildungsträger Kontakte haben, von sporadischen Praktikumsbesuchen einmal abgesehen. Die Wikis geben den Jugendlichen die Möglichkeit im Praktikum Gelerntes zu präsentieren und zum Gelernten der anderen in Beziehung zu setzen. So entsteht ein lebendiger Prozess des Lernens, der den Beteiligten in aller Regel viel Spaß macht und zu einem Ergebnis führt, auf das die jungen Menschen mit Recht stolz sind. Weniger schreibfreudigen Teilnehmerinnen und Teilnehmern bietet sich über die Wikis die Möglichkeit, auch mit kleinen Beiträgen zur Entwicklung des gemeinsamen Wissenspools beizutragen. Dabei üben sie sich einerseits in ihrer sprachlichen Ausdrucksfähigkeit, andererseits trägt die gemeinsame Arbeit an einem Projekt zur Festigung der Gruppenstabilität bei. Weitere Vorteile sind die recht einfache Handhabung von Wikis und die durch den Einsatz von entsprechenden Plattformen, wie beispielsweise qualiboxx, mögliche zeitliche und räumliche Unabhängigkeit der Nutzung.
Fazit
Wikis machen Spaß
Wikis machen Spaß und bieten einen niedrigschwelligen Zugang zur Welt des Onlinelernens. Bildungsträger können sie relativ unkompliziert einsetzen da keine eigenen aufwändigen Plattformen betrieben werden müssen, sondern auf Angebote wie qualiboXX zurückgegriffen werden kann. Wikis fördern nachhaltige Lernprozesse und können Menschen auf einfachem Weg an das Lernen mit digitalen Medien heranführen.
Pädagogische Begleitung ist unverzichtbar
Allerdings ist auch der Einsatz von Wikis an die Begleitung durch die Mitarbeiter des Bildungsträgers gebunden. Dazu gehört die Vereinbarung von Regeln, beispielsweise über regelmäßige Beiträge, für die Wikiarbeit ebenso wie ein Blick auf die Richtigkeit der Eintäge und gegebenenfalls Anregungen und Unterstützung für die Wikiautoren. Wikis können zu bestimmten Themen vorgegeben werden, oder zur freien Bearbeitung bereit gestellt werden. Die Möglichkeiten des Wikieinsatzes sind recht vielfältig.
Der Autor
Ralf Rothenbusch arbeitet als Sozialpädagoge und Ausbilder bei der Leine-Volkshochschule gGmbH in Laatzen und administriert dort die Institution seines Trägers auf qualiboXX.