25.01.2010 | Daniel Berghoff

Selbstreflexion und individuelle Förderung im Online-Lerntagebuch

Zur Förderung des individuellen und selbstgesteuerten Lernens eignet sich in besonderem Maße ein Online-Lerntagebuch. Allerdings müssen die Lernenden behutsam an diese Form des freien Arbeitens herangeführt werden.

Ein Online-Lerntagebuch ist in besonderem Maße dazu geeignet, individuelles und selbstgesteuertes Lernen zu fördern. In der Regel sind die Lernenden jedoch aufgrund ihrer schulischen Vorerfahrungen einen eher lehrerzentrierten Unterricht gewöhnt. Durch offene Aufgabenstellungen, die ein hohes Maß an Selbststeuerung und Eigeninitiative erfordern, sind sie schnell überfordert. Daher müssen sie behutsam an diese Form des freien Arbeitens herangeführt werden.

 

Die Fähigkeit zur Selbststeuerung des Lernprozesses entwickeln

Fachkompetenz-Blog
Abb. 1

Das Führen eines Lerntagebuchs zwingt automatisch zur ständigen Positionsbestimmung und zu einem kontinuierlichen Ist-Soll-Abgleich: "Wo will ich hin und wo stehe ich jetzt? Was fehlt mir noch, um an mein Ziel zu kommen?" Dadurch führt ein Lerntagebuch einerseits zu mehr Eigenverantwortung und Bewusstsein, was die Planung des eigenen Lernprozesses angeht, und andererseits zu einem vertieften Verständnis der fachlichen Inhalte. Im Hinblick auf die Erziehung der Auszubildenden zu "lebenslangen Lernern" kommt der Entwicklung der Fähigkeit zur Selbststeuerung des Lernprozesses und damit der Selbstreflexionsfähigkeit eine besondere Bedeutung zu.


Kompetenzen hervorheben

Lernkompetenz-Blog
Abb. 2

Ein wichtiger Punkt in Lerngruppen mit Förderbedarf stellt das Bewusstmachen der eigenen Ressourcen und Kompetenzen dar, denn in diesen Lerngruppen findet man häufig Überzeugungen wie "Mathe kann ich sowieso nicht", die auf ein relativ negatives Selbstbild schließen lassen. Es ist daher sinnvoll, dass die Lernenden sich zunächst in Form einer Ausgangsreflexion ihrer Stärken, Kompetenzen und Ressourcen bewusst werden. Auf dieser Grundlage lassen sich kleine Lernziele formulieren, die einerseits auf die Fachkompetenz, andererseits auf die individuelle Lernkompetenz abzielen können (siehe Abb. 1 und 2). Werden auf Grundlage des Ist-Zustandes Lernziele vereinbart, so können diese regelmäßig im Lerntagebuch durch Reflexionsaufträge auf ihren Erreichungsgrad hin kontrolliert werden. So werden kleine motivierende Erfolgserlebnisse ermöglicht, die sich wiederum positiv auf die Motivation auswirken.


Unterstützung durch Lernbegleiter

An dieser Stelle wird bereits deutlich, dass die Lernenden hier auf beiden Kompetenzebenen regelmäßige Unterstützung und Anleitung durch einen Lernbegleiter benötigen. Wenn die Größe der Lerngruppe es zulässt, macht ein begleitendes Lerncoaching hier durchaus Sinn. Eine Grundlage für solch ein Lerncoaching könnte beispielsweise ein Reflexionsauftrag sein, der in Form eines Blogpostings im Blog "Meine Lernkompetenz" eingebracht werden kann.


Zunehmende Selbstständigkeit ausbilden

Damit das Schreiben eines Lerntagebuchs nicht zu einer lästigen Pflicht verkommt, ist darauf zu achten, dass die Lerner einerseits regelmäßig, also zum Beispiel einmal die Woche, eine Reflexion schreiben, zu der sie zunächst noch durch konkret formulierte Aufträge oder Fragen angeleitet werden. Langfristiges Ziel ist es, dass die Lerner ihre Reflexionen über erworbene Fach-, Methoden- oder Lernkompetenzen aus eigenem Antrieb verfassen, weil sie das Bedürfnis haben, bestimmte Ergebnisse oder Erlebnisse festzuhalten, tiefer zu verstehen oder besser zu verarbeiten.

Vorteile des Mediums

Ein Online-Tagebuch in Form eines Weblogs zu schreiben hat den Vorteil, dass es vom Lerntandempartner oder Lerncoach auch dann eingesehen werden kann, wenn sich die Lernenden nicht in kurzen Abständen treffen, zum Beispiel in Praktikumsphasen. Dennoch kann der Reflexionsprozess im Blog beobachtet und kommentiert werden.

Hinweise zur Zugriffsbeschränkung des Weblogs

Eine von Offenheit und Vertrauen geprägte Lernatmosphäre könnte dadurch unterstützt werden, dass der Lernbegleiter / Lehrer ebenfalls den Projektverlauf aus seiner Sicht reflektiert. Je nach Größe der Lerngruppe kann es notwendig sein, dass sich Lernpartner zusammenfinden und so genannte Lerntandems bilden, die sich jeweils gegenseitig Feedback geben, es sei denn, die Feedbackaufgabe kann auf mehrere Lernberater aufgeteilt werden.

Wie persönlich die Reflexionen in einem Lerntagebuch werden können, hängt natürlich entscheidend davon ab, wer Zugriff darauf hat, beziehungsweise auch davon, wie vertrauensvoll und offen das Lernklima in der Lerngruppe und das Verhältnis zwischen Lernberater und Lernenden ist. Hier sind viele individuelle und situative Regelungen denkbar, die gemeinsam festgelegt werden können. In beschriebener Lerngruppe wurde in einem Kursraum unter der Lernplattform Moodle mit Journalen mit getrennten Gruppen gearbeitet, sodass nur der Lernberater und der jeweilige Lerntandempartner Einblick in die Reflexionen hatten, nicht aber die anderen Mitschüler oder externe Personen. [Anmerkung der Redaktion: In einer qualiboXX Lerngruppe kann der Zugriff auf das Blog ebenfalls auf ein Lerntandem und den Lernbegleiter beschränkt werden. Wenn mehrere geschützte Lernblogs angelegt werden sollen, so muss man dafür je eine eigene Lerngruppe einrichten.] Kann der Zugriff auf die Reflexionen nicht individuell eingeschränkt werden, leidet mit hoher Wahrscheinlichkeit die Offenheit und Tiefe, mit der die Reflexionen geschrieben werden.

Es wird deutlich, dass der Einsatz von Lerntagebüchern weniger ein statisches Lern- / Endergebnis als vielmehr den individuellen Lernweg und Lernprozess fokussiert.

Das Projekt

An dem folgenden Projektbeispiel wird konkret veranschaulicht, wie ein Lerntagebuch in einem Unterrichtsprojekt gewinnbringend eingesetzt werden kann.

Ziel des konkreten Unterrichtsprojektes, das am Berufskolleg an der Lindenstraße durchgeführt wurde, ist eine Fragebogen gestützte Kundenzufriedenheitsbefragung in einem realen Einzelhandelsbetrieb und die anschließende Ableitung von Handlungsempfehlungen an die Geschäftsführung des Betriebes. Dabei sollen auf Fachkompetenzebene die Instrumente des Handelsmarketing, Regeln der Fragebogenerstellung sowie Grundlagen des Projektmanagements erarbeitet und auf Lernkompetenzebene der eigene Lernprozess reflektiert und verbessert werden.

Projekt_Lerntagebuch_im_Unterricht.pdf
Hier können Sie den konkreten Projektverlauf im PDF-Format herunterladen.
Dateigröße: 25 KB

Der Autor

Daniel Berghoff ist Diplom-Kaufmann und arbeitet als Studienrat am Berufskolleg an der Lindenstraße in Köln.