02.07.2010 | Jürgen Baumgärtner
Mehr Methodenvielfalt im Stützunterricht
Sich in die Arbeit mit digitalen Lernmedien einzuarbeiten, setzt Eigeninitiative und Interesse des Pädagogen/der Pädagogin voraus. In diesem Erfahrungsbericht geht es um die Einarbeitung, das erste Experimentieren mit der Lernbox und die feste Einbettung von qualiboXX in den Stützunterricht.
Durch die Mitarbeit auf der Lernplattform qualiboXX beschäftige ich mich seit ungefähr einem Jahr intensiver mit dem Thema "neue" Medien im Unterricht. Zuvor hatte ich zwar jahrzehntelange Erfahrungen in der Vorbereitung und Durchführung von Unterrichtsstunden, den Computer setzte ich allerdings bisher nur sehr selten ein. Das Thema "Neue/Digitale Medien im Unterricht" war für mich bis dahin ziemliches Neuland.
Die Lernplattform qualiboXX bot mir nun also die Chance, in die Thematik "digitale Medien und Computerlernprogramme" intensiver einzusteigen und Erfahrungen zu sammeln. Hier konnte ich mir einen Überblick verschaffen, welche Möglichkeiten der PC bietet und wie man ihn in den Unterricht sinnvoll integrieren kann.
Den PC nutzte ich zwar für die eigene Unterrichtsvorbereitung, aber nicht mit den Jugendlichen zusammen. Mir war jedoch bewusst, dass das Thema Medienkompetenz eine immer wichtigere Rolle spielt und ich mich diesem Aspekt nicht dauerhaft verschließen kann. So reifte in mir der Entschluss, qualiboxx als Anlass zu nehmen, neue Wege zu gehen.
Die KollegInnen bieten Anregung
Anfängliche Skepsis bestand bei mir durchaus, ob eine Wissensvermittlung über das Internet oder über Lernprogramme funktioniert und der Lernstoff nachhaltig zu vermitteln ist. Außerdem war ich unsicher, wie ich dieses Medium methodisch-didaktisch im Unterricht einsetzen sollte und welchen Umfang meine eigenen Vorbereitungen einnehmen würden. Wie würden die Jugendlichen reagieren, wenn ich nicht auf jede technische Frage eine Antwort wüsste.
Also entschloss ich mich, zuerst einmal erfahrene Kollegen, die schon häufiger den PC im Unterricht eingesetzt hatten, zu fragen, wie ich am besten vorgehen sollte. Ich durfte mir Unterrichtsstunden ansehen und konnte schon hier einiges lernen.
Da die Erfahrungen der Kollegen deutlich machten, dass Computerlernprogramme nur dann erfolgreich sind, wenn sie in ein Gesamtkonzept integriert und für den Unterricht entsprechend vor- und nachbereitet wurden, bedeutete das für mich, ausreichend Zeit für die eigenen Recherchen am PC einzuplanen und auf Grundlage des Lernprogramms auch zusätzliche Ausarbeitungen in Form von Arbeitsblättern zu entwickeln. Ganz ohne schriftliche Aufzeichnungen zu arbeiten, ist für mich eben immer noch undenkbar.
Kennenlernen der Lernbox
Zuerst stand aber für mich selbst das weitere Kennenlernen der Plattform qualiboXX und die Sichtung der Lernangebote im Vordergrund. Bisher nutzte ich den Magazin-Bereich und las häufiger die Beiträge in der Community. Die Beschäftigung mit der Lernbox dauerte erwartungsgemäß länger als herkömmliche Unterrichtsvorbereitung. Die Lernprogramme mussten gesichtet, bearbeitet und anschließend die Arbeitsblätter erstellt werden. Das Anlegen der Lerngruppen und die Zuweisung der Lernprogramme übernahm unsere Administratorin, zukünftig werde ich mich aber auch mit diesem Bereich näher beschäftigen.
Erster Einsatz vor der Zwischenprüfung für Gärtner
Da im Frühjahr die Zwischenprüfung der Gärtner anstand, entschied ich mich, qualiboXX in diese Prüfungsvorbereitung zu integrieren. Bisher gab es wie jedes Jahr die Fragen aus den vergangenen Zwischenprüfungen, die die Jugendlichen schriftlich bearbeiteten oder das gemeinsame Lösen von Aufgaben in Kleingruppen. Richtig motiviert waren die Jugendlichen nur sehr selten und so lag es nahe, endlich mal was zu verändern. Ich erläuterte den Auszubildenden den Ablauf der Prüfungsvorbereitung und die Arbeit mit qualiboXX. Sie bekamen einen ersten Einblick, was die Lernplattform bietet und wie wir damit zukünftig arbeiten wollten. Ich bemerkte schon hier, dass die Neugier und Motivation bei den meisten Jugendlichen deutlich höher war als sonst.
Kommen junge Menschen besser mit den Medien zurecht?
Nach der theoretischen Einführung folgte anschließend die Ausgabe der Zugangsdaten für jeden Einzelnen und die datenschutzrechtliche Belehrung. Ich erklärte ihnen auch, dass die Arbeit auf einer Lernplattform für mich ebenfalls völlig neu ist und wir uns gemeinsam in das Abenteuer begeben werden.
Nun loggten sich die Auszubildenden das erste Mal selbst auf der Lernplattform ein – zu meinem Erstaunen lief das Ganze viel langsamer ab, als ich dachte – aha! So groß ist der Unterschied zwischen Lehrer und Schüler dann doch nicht! Viele hatten schon Probleme, ihren Benutzernamen fehlerfrei einzugeben – für mich die Erkenntnis, dass wir wohl sehr konzentriert und langsam bei den späteren Übungsaufgaben vorgehen müssen, um Fehler zu vermeiden.
Ich konzentrierte mich auf zwei Lernangebote – "Politik-Quiz" und "Die Pflanze – Grundlagenwissen".
Das erste Programm diente vor allem dazu, die Lernplattform besser kennen zu lernen. Wo findet man was, wie orientiert man sich auf qualiboXX und was für Möglichkeiten der Interaktion gibt es. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass man sich anfangs recht desorientiert auf der Webseite bewegt. Alles ist neu und die Möglichkeiten doch sehr vielfältig und nicht immer selbsterklärend. Und auch hier brauchte ich mich nicht vor den Jugendlichen verstecken. Nach deren Aussagen surften sie zwar regelmäßig im Internet, dort aber auch immer auf den gleichen Seiten, die ihnen von der Navigation und Bedienung wohl bekannt waren. Sind sie zum ersten Mal auf einer neuen Seite, fällt ihnen die Orientierung ähnlich schwer wie mir. Meine Zweifel waren also unbegründet!
Lernangebot "Die Pflanze" als wiederholende Prüfungsvorbereitung
Wir begannen unsere Arbeit mit dem Politik-Quiz und konnten neben den fachlichen Inhalten auch einige technische Fragen bei der Bedienung der Lernangebote abklären und uns nun langsam auf das eigentliche Hauptthema "Die Pflanze" konzentrieren, welches in der nächsten Woche behandelt wurde.
Zuerst besprachen wir das Thema der Unterrichtstunde – "Die Wurzel" und trugen mündlich zusammen, was schon alles darüber bekannt war – kurzes Brainstorming - es ging ja um eine wiederholende Prüfungsvorbereitung.
Anschließend loggten sich die Jugendlichen erneut bei qualiboXX ein – das ging schon viel besser als beim ersten Mal – und bearbeiteten schließlich die Einführung des Lernprogramms, sowie das erste Kapitel "Die Wurzel". Das war vom Umfang mehr als ausreichend, da die Auszubildenden im Anschluss noch die Arbeitsblätter ausfüllen sollten. Außerdem habe ich bei meiner eigenen Vorbereitung gemerkt, dass es besser ist, die Kapitel einzeln zu bearbeiten. Dies ist sehr gut möglich, da sie in sich abgeschlossen sind.
Rollenwechsel: mehr "Moderator" als "Stützlehrer"
Für mich war es sehr interessant die Jugendlichen bei der Arbeit am PC zu beobachten. Wie gehen sie vor, wo klicken sie zuerst hin. Schließlich führte ich sie ja nicht durch das Programm, sondern sie mussten selbst Schritt für Schritt das Thema erarbeiten. Dabei fiel mir besonders das unterschiedliche Tempo auf und die teilweise recht oberflächliche Herangehensweise beim Lesen der Inhalte. Spätestens beim Ausfüllen der Arbeitsblätter wurde das bei einigen zum Problem. Ich hatte mir aber fest vorgenommen, jeden Einzelnen selbstbestimmt arbeiten zu lassen und nur gelegentlich Hinweise zu geben.
Ungünstig fand ich die Möglichkeit bei den Aufgaben so viele Versuche zu haben, bis die Antwort richtig ist. Das ist für die Lernerfolgskontrolle sehr unvorteilhaft und macht aus meiner Sicht wenig Sinn.
Das Ausfüllen der Arbeitsblätter, die sich ausnahmslos an den Inhalten des Lernprogramms orientierten, bereitete vielen Jugendlichen dann schon mehr Probleme. Konnte man bei den digitalen Übungsaufgaben noch herumprobieren um auf die richtige Antwort zu kommen, ging das hier nun nicht mehr – wie gemein!
Am Ende der Stunde war ich neugierig, wie die Auszubildenden den Unterricht einschätzten und ob er für ihre Prüfungsvorbereitung hilfreich war. Die meisten empfanden das Programm durchaus bereichernd, auch die Möglichkeit am PC zu arbeiten fanden sie gut, abwechslungsreich und interessant. Manche hatten damit Schwierigkeiten, sich die Inhalte selbst erarbeiten zu müssen, ohne durchgängige Begleitung. Einigen fiel am Ende selbst auf, dass sie intensiver und vor allem genauer lesen, eventuell Notizen machen müssen, um die Übungsaufgaben und die Arbeitsblätter besser ausfüllen zu können.
Manchmal geht es nicht ohne intensive Unterstützung
All diese Erkenntnisse halfen uns in den folgenden Stunden, das Lernprogramm weiter zu bearbeiten – man las die Kapitel aufmerksamer, machte sich Notizen und diejenigen, die größere Schwierigkeiten beim Erfassen der Inhalte hatten, bekamen von mir eine intensivere Betreuung. Somit haben wir alle – die Jugendlichen und ich persönlich natürlich auch - unseren Unterricht bereichert.
Fazit
Ohne das Projekt qualiboxx und unseren Arbeitskreis hätte ich vielleicht nie den Mut gefunden, den PC und Lernprogramme im Unterricht zu nutzen. Erfahrene Kollegen, die mir hilfreich zur Seite standen gaben mir aber die Sicherheit jederzeit Fragen stellen zu können und auf ihre Erfahrungen zurückzugreifen.
Für mich hat sich die intensive Beschäftigung mit qualiboXX in jedem Fall gelohnt! Ich kann heute meinen Unterricht auf vielfältige Weise gestalten, moderne Medien zunehmend einbinden und dem zeitgemäßen Charakter der Wissensvermittlung Rechnung tragen. Außerdem erfahre ich über qualiboXX viel Informatives zum Thema Medienkompetenz und erhalte hilfreiche Tipps und Anregungen für meine Arbeit.
Lernprogramme sind aber nur eine von vielen Möglichkeiten, Wissen zu vermitteln; sie haben Vorteile (sie sind anschaulich, zeitgemäß, multimedial,) aber auch Nachteile (was bleibt, wenn ich den Rechner ausschalte oder nicht die technischen Voraussetzungen habe?). Ich werde zukünftig in meinem Unterricht verstärkt Neues mit Altem verbinden. Wie sonst sollte ich den Gärtnern zum Beispiel zeigen, wie sich eine Blüte im Zeitraffer öffnet – das geht nun mal nur mit digitaler Technik.
Lernplattformen wie qualiboxx haben für mich heute den gleichen Stellenwert wie das gute "alte" Fachbuch oder die Natur selbst, die aus meiner Sicht für den Gärtner immer noch die beste Lehrmeisterin ist.
Der Autor
Jürgen Baumgärtner ist als Stützlehrer im Kolping-Bildungswerk Thüringen e. V. beschäftigt. Er unterrichtet Auszubildende in den Berufen Verkäufer/in und Gärtner/in, in BaE-Maßnahmen sowie Gebäudereiniger/innen in abH-Maßnahmen.