31.10.2008 | Jörg Weidert

Mediennutzung und Schulleistungsstörungen - ein Zusammenhang?

Die im Februar 2008 veröffentlichte Studie des Kriminologischen Forschungsinstitutes Niedersachsen (KFN) Die PISA-Verlierer – Opfer ihres Medienkonsums hat die Debatte um eine mögliche Abhängigkeit der Schulleistung von der individuellen Mediennutzung neu entfacht.

Die Forscher Christian Pfeiffer, Thomas Mößle, Matthias Kleimann und Florian Rehbein setzen dort die PISA-Befunde der Jahre 2000, 2003 und 2006 mit Ergebnissen aus zwei Querschnittsuntersuchungen in Verbindung, die das KFN mit Viert- und Neuntklässlern durchgeführt hat. Darüber hinaus werden Zwischenresultate einer laufenden Panel-Untersuchung und mögliche Erklärungen aus einem gedächtnispsychologischen Experiment zur Korrelation von Freizeitbeschäftigung und Konzentration hinzugezogen. Aus dem Vergleich der Daten formuliert die Forschergruppe dann ihren scheinbar klaren Befund: "Je mehr Zeit Schülerinnen und Schüler mit Medienkonsum verbringen und je brutaler dessen Inhalte sind, desto schlechter fallen die Schulnoten aus."

Die folgende Aufstellung soll einige Argumente, die eine ursächliche Abhängigkeit der Schulleistung von der Mediennutzung behaupten, beziehungsweise jene, die die Berechtigung dieses Schlusses in Frage stellen, darstellen und zur weiterführenden Diskussion anregen:

Pro

Abhängigkeit der Schulleistungen

Die gravierenden Leistungsunterschiede der PISA-Ergebnisse für Deutschland, gruppiert nach Geschlecht, Migrationshintergrund und sozialer Schicht, zeigen eindeutige Parallelen zur Ausstattung mit Fernsehern, Spielkonsolen und Computern.

Contra

Parallele Mediennutzung

Ein Nebeneinander von Mediennutzung und schlechten Schulnoten bedeutet keinen ursächlichen Zusammenhang von schlechten Noten aufgrund der Mediennutzung. Die Parallelen im Medienkonsum einzelner Vergleichsgruppen und dem Abschneiden in den PISA-Studien lassen keinen Schluss auf eine Kausalität zu.

Konsumdauer

Mit dem Vorhandensein eines eigenen Mediengerätes wächst die Konsumdauer deutlich. Über die Dauer des Medienkonsums sinken die Schulleistungen, da die Zeit für das Lernen und die Anfertigung von Hausaufgaben knapp wird.

Kritik an der Datenerhebung

Die Forschergruppe verweist selbst auf das "Manko" der Datenerhebung im Querschnitt, da aufgrund dessen ein Kausalzusammenhang eine "theoriegeleitete Interpretation darstellt." Auch die Möglichkeit von weiteren "relevanten Einflussvariablen" wird zunächst erwähnt, aber in der Bewertung nicht berücksichtigt.

Bedenkliche Medieninhalte

Mit der Verfügbarkeit von Mediengeräten im eigenen Zimmer steigt außerdem der Konsum bedenklicher Inhalte.

Medienwirksamkeit

Einzelne Befunde sind nicht neu, aber in ihrer Zusammenführung sehr "medienwirksam" in Szene gesetzt und medienpädagogisch kontraproduktiv.

Spätfolgen des Fernsehkonsums

Längsschnittuntersuchungen eines amerikanischen Forscherteams wiesen deutliche Zusammenhänge zwischen frühem Fernsehkonsum und dem späteren Auftreten einer Aufmerksamkeitsstörung auf. Auch negative Effekte auf die Rechen-, Sprach-, und Lesekompetenz konnten nachgewiesen werden (vgl. Christakis et al. 2004).

Mangelnde Differenzierung

Die amerikanischen und neuseeländischen Längsschnittanalysen liefern lediglich Angaben zum Fernsehkonsum und gehen nicht auf andere Medien ein.

Längsschnittstudie

Eine neuseeländische Längsschnittstudie hat ergeben, dass ein erhöhter Fernsehkonsum im Alter von 5 bis 15 Jahren sich negativ auf die Realisierung eines Schul- oder Universitätsabschlusses auswirkt (vgl. Hancox et al. 2005).

Was heißt Medienkonsum?

Der Begriff des "Medienkonsums" bleibt in seiner Verwendung verwirrend und uneindeutig. Die Schürung einer generellen Skepsis und Angst ist unangebracht, da neben unreflektiertem Konsum auch ein produktiver Medieneinsatz möglich ist.

Bessere Leistungen

Viertklässler ohne Fernseher und Spielkonsole im Kinderzimmer haben in Deutsch, Sachkunde und Mathematik deutlich bessere Noten. So wie von einer regelmäßigen sportlichen Betätigung über die verbesserte Hirndurchblutung eine anregende Wirkung auf die kognitive Lernfähigkeit ausgeht, reduziert die mit hohem Medienkonsum einhergehende Bewegungsarmut die Chancen auf gute Schulleistungen.

Ursache-Wirkung?

Es stellt sich die Frage, ob es überhaupt eine kausale Abhängigkeit gibt zwischen den Schulerfolgen und geringem Medienkonsum. Ersteres lässt sich nicht zwangsläufig von letzterem ableiten. Medienkonsum und gute schulische Leistungen können durchaus miteinander einhergehen.

Einfluss auf die mentalen Leistungen

Die "Löschungshypothese" geht davon aus, dass kürzlich erworbene Gedächtnisinhalte, durch eine anschließende Nutzung "stark emotionali- sierender" Medien gelöscht werden können. Regelmäßige oder emotional belastende Bildschirmmediennutzung beeinträchtigt grundlegende Informationsverarbeitungsgänge im Gehirn (vgl. Spitzer 2003, 2005). Durch kognitive Spezialisierung können die Fähigkeiten des innermentalen konzentrierten Problemlösens eingebüßt werden.

Computerspiele und Film

Eine Studie des Hamburger Hans-Bredow-Instituts weist auf die unverändert uneindeutige Forschungslage bezüglich der Wirkung von Gewalt in Bildschirmspielen und Filmen hin.
Die empirischen Forschungsergebnisse zeigen außerdem zwar ein höheres "Involvement" beim Spielen, durch das empathische Miterleben der Ereignisse in Filmen wirken aber "dieselben visuellen Darstellungen in einem Film bedrohlicher als in Bildschrimspielen, die stets an das eigene Handeln der Spielenden gebunden bleiben. Trotz des Flow-Erlebens sind sich Spieler in der Regel bewusst, dass sie ein Spiel spielen, was ihnen zum Inhalt einegewisse Distanz verschafft."

Konzentration

Das gedächtnispsychologische Experiment ergab den "hoch signifikanten Befund", dass eine nicht mediale Freizeitbeschäftigung zu einer um 50% besseren Konzentrationsleistung bei der Lösung leichter Mathematikaufgaben führt als nach einem mit "ausgeprägter Spielfreude" gespielten gewalthaltigen Computerspiel.

Medienkompetenz

Actionreiche Computerspiele fördern die Hand-Augen-Koordination, die visuelle Wahrnehmung und "mentale Rotation". (Castel et al. 2005 ; De Lisi 2002)

Bibliographie und Links

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Weiter zur Bibliographie
Hier finden sie eine Zusammenstellung der verwendeten Forschungsliteratur.

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Der Autor

Jörg Weidert ist Medien- und Literaturwissenschaftler und arbeitet als freier Lektor, Redakteur und Journalist.

 
 
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