14.08.2009 | Engelbert Michel

Medienkompetenz  für Jugendliche in benachteiligten Lebenslagen

Medienprojekte mit Jugendlichen in benachteiligten Lebenslagen werden von Medienexperten oft als problematisch eingeschätzt, da die Zielgruppe als nur schwer erreich- und motivierbar gilt. Gründe für ein Scheitern der Medienarbeit können jedoch auch in der defizitorientierten Betrachtungsweise der Pädagogen liegen.

Um hier Abhilfe zu schaffen, hat die nordrhein-westfälische Landesanstalt für Medien (LfM) jüngst ein Konzept zur inhaltlichen, didaktischen und strukturellen Ausrichtung der medienpädagogischen Praxis  veröffentlicht. Das Konzept wurde für die offene Kinder- und Jugendarbeit unter Federführung von Professor Dr. Nadia Kutscher entwickelt. Die Autorinnen orientieren sich am Leitbild der Landesanstalt für Medien in Nordrhein-Westfalen, die sich zum Ziel gesetzt hat, "Jugendliche so zu qualifizieren, dass sie mit den Medien und ihren Inhalten kompetent und selbstbestimmt umgehen können" (Seite 11).

 

Form der digitalen Spaltung

Mittlerweile kann man davon ausgehen, dass der technische Zugang zu Medien beinahe überall vorhanden ist. Fast jeder Jugendliche verfügt über ein Handy und fast alle Haushalte, in denen Jugendliche leben, haben einen Internetzugang. Es bestehen aber immer noch große Differenzen in der Mediennutzung. Jugendliche aus bildungsfernen Schichten nutzen den Computer weniger zu Bildungs- als zu Unterhaltungszwecken. Bei ihnen stehen Spiele und Kommunikation im Vordergrund.

Medienbildung als Ergebnis von Mediennutzung

Medienbildung ist ein Ergebnis von Mediennutzungsprozessen, die auch jenseits von pädagogischen Prozessen stattfinden. Mediennutzung, die zu bildungsrelevanten Abschlüssen führt, gilt bei den Pädagoginnen und Pädagogen als wertvoller als die Mediennutzung mit unterhaltendem Charakter. Diese Beurteilung der Medien resultiert aus einer defizitorientierten Betrachtungsweise. Die Jugendlichen werden dabei als defizitäre und schwer erreichbare Zielgruppe beschrieben. Ihnen werden fehlende Motivation, geringe Frustrationstoleranz, geringes Durchhaltevermögen, mangelnde Konzentrationsfähigkeit und eingeschränkte Sprach- und Ausdrucksfähigkeit zugeschrieben. Als Resultat der Defizitorientierung werden im Gegenzug die Pädagogen oft wegen fehlender medialer Kenntnisse und "überheblichen" Verhaltens von den Jugendlichen misstrauisch beurteilt.

Viele Medienprojekte versuchen diese Defizite durch eine projekt- und produktorientierte Vorgehensweise auszugleichen. Mit diesem Herangehen sollen einerseits die sozialen und kommunikativen Fähigkeiten der Jugendlichen gefördert werden und andererseits die motivierende Wirkung des Endproduktes genutzt werden, um Erfolgserlebnisse bei den Teilnehmenden zu ermöglichen. Dies trifft in der offenen Jugendarbeit oftmals auf Jugendlichen, die eher den Wunsch haben spontan mit Medien zu arbeiten. Ihnen ist der kommunikative Aspekt der Mediennutzung wichtiger als die Produkt- oder Ergebnisorientierung.

"Die Entwicklung gemeinsamer Medienpraxen zwischen Jugendlichen und MitarbeiterInnen als Grundlage für intergenerationelle Bildungsprozesse wird durch eine eingeschränkte Lebensweltorientierung und die begrenzte Perspektivübernahme der MitarbeiterInnen ebenso verhindert wie sie systematisch den Ausstieg bzw. Rückzug der Jugendlichen aus den freiwilligen medienpädagogischen Angeboten evoziert" (Seite 59).

Lebensweltorientierung statt Defizitorientierung

Um aus diesem Teufelskreis herauszukommen schlagen die Autorinnen eine Orientierung an der Erfahrungs- und Lebenswelt der Jugendlichen in der Medienbildung vor. So könnten beispielsweise die Chaterfahrungen, über die viele der Jugendlichen in großem Maße verfügen, dazu genutzt werden, um verschiedene Identitäten und Kommunikationsweisen in Chaträumen auszuprobieren und damit weiterführende Kompetenzen im Umgang mit unbekannten, nicht-sichtbaren Kommunikationspartner(inne)n zu erwerben. Ebenso können verschiedene Formen der Selbstdarstellung erprob- und erfahrbar gemacht werden. Eine so verstandene Medienarbeit kann an den lebensweltlich erworbenen Kompetenzen der Jugendlichen ansetzen und die Erweiterung der vorhandenen Kompetenzen anregen.

Ein weiteres Beispiel dieses Ansatzes könnte die Integration von bildhaften und multimedialen Kommunikationsformen in die schriftliche Kommunikation bilden. Untersuchungen zum Nutzungsverhalten der Jugendlichen zeigen, dass diese sich gerne in Communities medial durch Fotos oder Videoclips präsentieren. Dieser Wunsch nach Selbstdarstellung im Internet kann sinnvoll aufgegriffen werden, um problematische Aspekte der Preisgabe von persönlichen Daten im Internet erfahr- und reflektierbar zu machen.

"Die Fokussierung auf die pädagogisch-fachliche Ermöglichung von 'Anregungsmilieus', in denen weiterführende Orientierung und Kompetenzen im Medienumgang entwickelt werden können, eröffnet eine Perspektive, die nicht nur der Defizitorientierung und der Erzwingung bestimmter Medienpraxen diametral entgegen steht, sondern darüber hinaus die AdressatInnen in einem solchen Maße ernst nimmt und wertschätzt, dass sie es ihnen auch ermöglichen kann, die medienpädagogischen Angebote (verstärkt) wertzuschätzen" (Seite 60).

Bildungsangebote sollten so angelegt sein, dass sie über die Definition von Teilzielen, schnell zu Ergebnissen führen können. Die Gliederung der Teilziele sollte für alle transparent sein, damit die Teilnehmenden selbst über den Umfang ihrer Beteiligung bestimmen können.

Qualifikationsbedarf beim Personal

Die Autorinnen dieser Expertise haben den Qualifikationsbedarf der Mitarbeiter/innen für die Medienbildung abgefragt. Ganz deutlich wurde der Bedarf an medienpädagogischer Qualifizierung benannt. Die Frage "Was kann ich machen, mit welchen Jugendlichen und mit welcher Ausstattung?" wurde dabei als zentrale Fragestellung identifiziert. Das vorhandene Fortbildungsangebot wurde als sporadisch und vereinzelt wahrgenommen, eine fehlende Fortführung der in Weiterbildung erworbenen Kenntnisse in Netzwerken bemängelt. Eine qualifizierungsbezogene Vernetzung wurde von vielen Mitarbeiter(inne)n gewünscht, um Projekte informell weiterführen zu können.

Als wesentlich für die Medienbildung wurden die Rahmenbedingungen genannt, unter denen die Jugendarbeit stattfindet. Knappe Kassen und unsichere Beschäftigungsverhältnisse prägen zunehmend auch die Einrichtungen der Jugendarbeit. Daraus resultiert der Wunsch nach Kooperationsnetzwerken.

Auf Grundlage dieser Erhebung wurde ein Qualifizierungskonzept erstellt, das die folgenden Komponenten enthält:

•

Wissensvermittlung (Wissen über: Zielgruppe; Methoden; Theorien; Techniken und Medien und der Förderstrukturen für Medienprojekte),

•

Reflexion (Medienpraxis/Relevanz der Zielgruppe; eigene Mediennutzung; eigener Habitus als Pädagoge/Pädagogin)

•

und Konzeptentwicklung (Wissen über Konzepte/Methoden; Anpassung an die konkreten Rahmenbedingungen; Entwicklung von Kooperationen)

Da dies alles in Zeiten geringer werdender Budgets erfolgt, müssen die Rahmenbedingungen der jeweiligen Einrichtungen berücksichtigt werden.

Das Qualifizierungsmodell versteht sich als eine Einheit von Wissen – Reflexion – Konzeptentwicklung – Praxis – Reflexion, in der schon die Voraussetzung für die spätere Kooperation geschaffen wird.

Übertragbarkeit auf die berufliche Integrationsförderung

Die Expertise und das Konzept für die medienpädagogische Praxis wurden zwar für die Kinder- und Jugendarbeit in NRW erstellt. Sie ist in weiten Teilen auf die Praxis in der beruflichen Integrationsförderung, besonders auf die Berufsvorbereitung, übertragbar. Dies gilt insbesondere für den Ansatz der Lebensweltorientierung. In Bereichen, in denen Curricula und Ausbildungsvorschriften die Lerninhalte vorgeben, bedarf es sicher großer Anstrengungen, um Konzepte zu entwickeln, die sich an der Lebenswelt der Jugendlichen orientieren. Lohnen wird sich es allemal, da dies sicher eine höhere Motivation bei den Jugendlichen zur Folge hat.

Der Wunsch nach Fortbildungsnetzwerken und der Einbettung der Fortbildung in einen kontinuierlichen Rahmen wird auch in der Benachteiligtenförderung immer wieder genannt. Mitglieder von qualiboXX haben hier einen großen Vorteil, sie können in der qualiboXX Community jederzeit Gruppen einrichten, um darüber in den Erfahrungsaustausch mit Kolleginnen und Kollegen aus anderen Einrichtungen einzutreten. Für die Teilnehmer/innen an den qualiboXX Fortbildungen besteht die Möglichkeit sich auch nach Ende der Seminare in ihren Lerngruppen auszutauschen.

Fazit

Das Buch ist Ergebnis einer wissenschaftlichen Arbeit mehrerer Autorinnen, der wissenschaftliche Schreibstil lädt nicht gerade zum Schmökern ein.  Viele Zitate und Referenzen auf andere wissenschaftliche Untersuchungen erschweren den Lesefluss und beim ersten Lesen war mir nicht immer klar, welche Meinung eigentlich die Autorinnen vertreten. Dennoch hat mich der medienpädagogische Ansatz überzeugt. Als sehr gewinnbringend empfand ich die Beschreibung der verschiedenen praktizierten Ansätze in der Medienbildung und ihre kritische Bewertung. Dies hat mich angeregt, mein eigenes Selbstverständnis zur Medienbildung zu überdenken. Die Orientierung an der Lebens- und Erfahrungswelt der Jugendlichen ist für Pädagoginnen und Pädagogen, die selbst nicht mehr jugendlich sind, gar nicht so einfach. Die Frage ist, wie es gelingt, jugendliche Lebenswelt erfahrbar zu machen. Hier scheint mir der Hinweis auf die Kooperationsnetzwerke, den Austausch mit Kolleginnen und Kollegen und die kritische Selbstreflektion die richtige Antwort zu sein.


Internetadresse

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Medienkompetenzförderung für Kinder und Jugendliche in benachteiligten Lebenslagen
Die Studie kann bestellt, aber auch kostenfrei heruntergeladen werden. Es öffnet sich ein PDF-Dokument.

Auf einen Blick

TitelMedienkompetenzförderung für Kinder und Jugendliche in benachteiligten Lebenslagen (LfM-Dokumentation Band 36)
AutorinnenKutscher, Nadia; Klein, Alexandra; Lojewski, Johanna; Schäfer, Miriam
Erscheinungsort und -jahrDüsseldorf 2009
ISBN978-3-940929-09-9
Preiskostenfrei
Bestellmöglichkeitwww.lfm-nrw.de

Der Autor

Engelbert Michel ist Diplom-Informationswissenschaftler und Berater für Neue Medien, E-Learning und Qualitätsmanagement

(Bildnachweis: © Radu Razvan / iStockphoto )

 
 
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