06.10.2009 | Christian Backe
Verständlich informieren mit Filmen
Information wirkt auf den Geist, wie Essen auf den Magen. Ohne Nachschub macht sich Hunger - oder Langeweile - breit. Nimmt man zu viel zu sich, streikt das Organ. Ebenso, wenn die Zutaten falsch kombiniert sind. Das richtige Maß und die richtige Zusammensetzung der Informationen zu finden, ist im Medium Film besonders schwierig. Die Informationen laufen über zwei Kanäle: Filmzuschauer sehen Bilder und hören gleichzeitig Text. Wie ergibt beides zusammen einen Sinn?
Verständliche Bilder
Ein Film besteht auf der Bildspur aus vielen kleinen "Einstellungen", das heißt Stückchen ununterbrochener Kameraaufnahme, die hintereinander geschnitten werden. Soll ein Film informieren, dann muss zunächst jede Einstellung eine klare Aussage tragen. Nach ihr bemisst sich die Geschwindigkeit des Schnitts: Jede Einstellung sollte genau so lang sein, wie es dauert, ihre Aussage zu formulieren. Ist sie zu kurz, können sich die Zuschauer keinen Begriff machen. Ist sie zu lang, wirkt sie fade.
Der richtige Rhythmus hängt auch davon ab, ob eine Einstellung Bewegungen zeigt. Weil Bewegung oft Gefahren bringt, löst sie immer einen Aufmerksamkeitsreflex aus. Daher sollte man sparsam mit ihr umgehen und bewegte Einstellungen nicht zu schnell hintereinander schneiden, um die Zuschauer nicht zu überreizen. Falsch eingesetzt, lenkt Bewegung im Bild von der eigentlichen Information ab. Faustregel: Was auffällig oder irritierend aussieht - Bewegung, Farbe, Licht oder Kontraste - das sollte in einem Informationsfilm auch bedeutsam sein.
Neben der Bewegung spielen Menschen im Bild eine wichtige Rolle. Zuschauer freuen sich, Menschen zu sehen - identifizieren sich mit ihnen. Daher dürfen Einstellungen, die Menschen zeigen, ruhig etwas länger dauern. Das gilt natürlich vor allem, wenn der Mensch im Bild etwas sagt. Aussagen von Beteiligten sind spontan, authentisch und oft eingängiger als ein Kommentartext.
Auch Informationsfilme erzählen Geschichten, das heißt sie vermitteln ihre Aussagen im besten Fall als Handlungseinheiten. Aufeinanderfolgende Einstellungen sollten sich daher zu "Sequenzen" oder "Szenen" fügen, die den Eindruck eines Geschehensflusses erzeugen - mit einem klaren Anfang, einer Mitte und einem Ende. Wie sich die Einstellungen im Kleinen zu Sequenzen fügen, so fügen sich die Sequenzen in einem großen dramaturgischen Bogen zum ganzen Film. Wie bei einem Menü: Am Anfang ein Salatteller, zunächst voll, dann halbleer, schließlich leer - nächster Gang. Und zum Abschluss ein krönender Espresso.
Verständlicher Sprechtext
Leser können zurücklesen - Filmzuschauer aber nicht zurückhören. Darum muss der Kommentartext besonders leicht verständlich sein. Entscheidend ist dafür nicht sein Inhalt, sondern seine Form. Ein verständlicher Text benutzt kurze Sätze, geläufige Wörter und einen konkret-anschaulichen Stil. Er ist folgerichtig und übersichtlich aufgebaut, besitzt einen roten Faden und signalisiert, was wesentlich und was unwesentlich ist. Kürze, Prägnanz, Konzentration auf das "Lehrziel" sind wichtig. Dabei sollten anregende Zusätze aber nicht zu kurz kommen. Der Stil darf gerne abwechslungsreich und auch persönlich sein. Eine Prise Salz macht die Suppe erst rund.
Neben diesen etwas vagen Empfehlungen gibt es noch einen harten Maßstab: die Zwölf-Silben-Regel. Wir alle haben ein Gegenwartsfenster von etwa drei Sekunden. Was innerhalb dieser Spanne geschieht, nehmen wir als Einheit wahr und kann vom Kurzzeitgedächtnis ohne Mühe überbrückt werden. Zwölf Silben Text dauern im Schnitt drei Sekunden. Man sollte sich daher hüten, alles logisch oder psychologisch Zusammengehörige in einem Text um mehr als zwölf Silben auseinander zu reißen. Das beginnt mit dem Hauptsatz: Statt Nebensätze zwischenzuschieben, sollte man sie nachstellen - oder gleich als eigenständige Sätze formulieren. Eng zusammen gehören auch Artikel und Substantiv, Subjekt und Prädikat sowie die Hälften eines zu zertrennenden Verbs. Leider reißt die deutsche Grammatik diese Satzteile häufig wie von selbst auseinander ... pardon: Auseinanderreißen ist leider eine Spezialität der deutschen Grammatik. Es gehört einige Übung und ein waches Auge dazu, die Zwölf-Silben-Regel zu befolgen.
Verständliche Bild-Text-Kombination
Ein Kommentartext ist gut, wenn er die Bildaussage unterstützt. Bilder werden bevorzugt wahrgenommen, das Gehirn verarbeitet sie sinnlich und direkt. Sprachinformationen sind abstrakt, ihr Sinn- und Emotionsgehalt muss erst übersetzt werden. Außerdem ist Sprache offener für Fehlinterpretationen und hat eine geringere Informationsdichte als Bilder. Der Volksmund weiß: Ein Bild sagt mehr als tausend Worte. Bestenfalls steuert der Kommentartext die Aufmerksamkeit der Zuschauer bei der Bildverarbeitung und erläutert das, was das Bild nicht aussagt.
Aber Vorsicht: Wenn Bild und Text sich inhaltlich zu weit voneinander entfernen, dann bleibt die Aufmerksamkeit auf der Strecke. Die beiden Informationskanäle behindern einander gegenseitig - beim Zuschauer kommt insgesamt weniger Information an, als wenn er Bildern und Text einzeln ausgesetzt wäre. Um solche "Bild-Text-Scheren" zu vermeiden, muss man sich klarmachen, dass das Bewusstsein des Menschen immer eine Einheit bildet. Obwohl Filmzuschauer Informationen über Augen und Ohren getrennt empfangen, macht der Geist in letzter Konsequenz keinen Unterschied zwischen Bildern und Tönen. Wenn der Text die Bildaussage auf naheliegende Weise ergänzt, ohne platt zu wiederholen, was man sieht, bestehen gute Chancen, dass die gewünschte Information auch ankommt.
Insgesamt sollte man bei Informationsfilmen mit Text eher sparsam umgehen und zu große Genauigkeit vermeiden. Vor allem Zahlen und Fachwörter behindern den Informationsfluss. Bei komplexen und wichtigen Textpassagen ist zu überlegen, ob man die Bilder für eine Weile "einfriert" oder zur Unterstützung Text oder Grafiken einblendet. Auch hier gilt: Weniger ist oft mehr. Vor allem müssen Grafiken immer genau erklärt werden. Im Gegensatz zu Zeitung oder Buch können Grafiken im Film zeitliche Veränderungen darstellen.
Literatur
 | Werner van Appeldorn: Handbuch der Film- und Fernsehproduktion. Psychologie, Gestaltung, Technik. 5., völlig überarbeitete Auflage. München: TR-Verlagsunion 2002 |
 | Gerhard Schult, Axel Buchholz (Hrsg.): Fernsehjournalismus. Ein Handbuch für Ausbildung und Praxis. 7., vollständig aktualisierte Auflage. Münche: List 2006 |
 | Peter Winterhoff-Spurk: Medienpsychologie: eine Einführung. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage. Stuttgart: Kohlhammer 2004 |
 | Wolf Schneider: Deutsch für Profis. Wege zu gutem Stil. München: Goldmann 2001 |
 | Inhard Langer, Friedemann Schulz von Thun, Rainer Tausch: Sich verständlich ausdrücken. 5., verbesserte Auflage. München: Reinhardt 1999 |