15.04.2010 | Engelbert Michel
Hörpol - Erinnerungen für die Zukunft
Ein Audioprojekt, das (jugendliche) Hörerinnen und Hörer dazu bewegen möchte, "die eigene Identität und Herkunft bewusst (zu) reflektieren" und sie Stellung beziehen lässt "zu Ungerechtigkeit und Benachteiligung", nimmt sich viel vor. Vom "Hörpol" magnetisch angezogen, hat sich der Autor auf eine interessante Tour durch Berlin-Mitte begeben.
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Abb. 1: Bitte anklicken! |
Nach zwei Jahren in Berlin, mit vielen Sightseeings zu den Sehenswürdigkeiten der Stadt und vielen Radtouren in das schöne Umland, geht es heute los zu einer ungewöhnlichen Stadtführung in Berlin Mitte. Mitte ist einer meiner Lieblingsorte, ein sehr lebendiger Stadtteil mit vielen Kneipen, tollen Shops, Kinos, den Hackeschen Höfen und meiner Lieblingsstraße, der etwas ruhigeren Sophienstraße. Schon oft habe ich gedacht, hier muss es eine lebendige jüdische Vergangenheit gegeben haben. Der Jüdische Friedhof und die Synagoge mit der goldenen Kuppel zeugen heute noch davon.
Unsichtbare Geschichte(n) werden hörbar
Der MP3-Player - gefüllt mit Erzählungen von Zeitzeugen
Ich möchte entdecken, was man mit dem Auge allein leider nicht mehr sehen kann. Mein MP3-Player ist gefüllt mit den Beiträgen aus dem Projekt Hörpol, einer Audioführung durch Berlin-Mitte für Jugendliche ab vierzehn Jahren. Hörpol erzählt an 27 Orten "Geschichten über Geschichte, verrät Geheimnisse, zeigt Wahnsinn und Lügen, Hass, Verzweiflung und Hoffnung, berichtet von jüdischer Geschichte, von Mut und Respekt, von Freiheit und von Liebe." Dafür erzählen Zeitzeugen aus ihrem Leben. Die Texte werden von Schauspielern und Moderatoren gesprochen. Die Musik dazu liefern Bands aus Berlin.
"Freie Navigation" statt fester Route durch die Stadt
Ein kleiner Stadtplan, heruntergeladen von der Webseite, zeigt die ausgewählten Orte der Geschichte(n) (Abb.1 bitte anklicken). Welchen Weg man wählt, welche Geschichten man anhört, bleibt jedem selbst überlassen. Maximal zehn Stationen sollten an einem Tag erlaufen werden, empfehlen die Initiator(inn)en des Projekts. Die Wegezeiten zwischen den Hörstationen schaffen räumliche und zeitliche Distanz, die vor dem nächsten Thema notwendig ist.
Wissen und Unwissen der Zeitzeugen
Schon die erste Station nimmt mich sofort gefangen. Neugierig gemacht durch den Titel "Ähh" beginne ich meinen Rundgang am Koppenplatz. Und höre in meinem MP3-Player die gleichen Aussagen, die ich als Kind auch von meinen Eltern gehört hatte. "Wir haben von nichts gewusst!" Vor der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten waren 160.000 Mitglieder in jüdischen Gemeinden in Berlin eingeschrieben, ein Drittel der jüdischen Bevölkerung des Deutschen Reiches. Man schätzt, dass 55.000 Opfer der Nazis wurden. Im Hörbeitrag wird sehr deutlich, dass das die Menschen in der damaligen Zeit sehr wohl gewusst haben. Zum Teil haben sie sich sogar an den zurückgelassenen Habseligkeiten der Deportierten bereichert.
Die Macht der Medien - damals
In der nächsten Station "Alltag" wird deutlich, dass es nicht so einfach war, sich zu informieren; die Medien waren gleichgeschaltet, objektive Informationen nicht zu bekommen. Hier höre ich Inge Schoubyé und ihre Enkelin Kristina. Sie vergleichen ihre Lebenssituation und stellen fest, dass die Oma "unglaublich dumm" war, weil ihr von den Medien nur vermittelt wurde, was die Nazis vermitteln wollten. Aber auch sie hat beobachtet, wie Juden zusammengepfercht und deportiert wurden.
Verbindung von Vergangenheit und Gegenwart
Vermittlung im jugendgerechten Medium
Hörpol verbindet die Vergangenheit mit der Gegenwart, Berichte von Zeitzeugen mit dem Erleben von Jugendlichen. Vermittelt wird die Botschaft mit jugendgemäßen Mitteln über Handy oder MP3-Player. Und die Berichte gehen unter die Haut. Beispielsweise "Glück gehabt" berichtet über einen jüdischen Jungen, bei dem erst einmal alles schief läuft und der dann doch noch ein Riesenglück hat. Festgenommen, auf den Abtransport nach Auschwitz wartend, trifft er auf eine alte Dame, die ihr eingeschmuggeltes Geld benutzt, um die Wärter zu bestechen und ihm einen Passierschein zurück ins Leben zu schenken. Das Geld reicht nur für einen Schein - sie bleibt zurück.
Emotionale Identifikation
Hier wird deutlich, dass durch die Audioführung viele Emotionen entstehen. Es wird hier bewusst keine Fülle an historischen Fakten vermittelt. In den Berichten und Erzählungen werden die bis heute spürbaren Folgen der Ereignisse geschildert und so Brücken zum Alltag der Jugendlichen geschlagen. Zudem werden über "Spiegelbilder" gestrige mit heutigen Ausgrenzungsmechanismen verglichen. Verständnis über Nationalitäten hinweg vermittelt zum Beispiel der überraschenden Schluss der von Serkan Sahan erzählten Geschichte "Das Geschenk". Beim Konzept wurden Fragestellungen berücksichtigt, die sich in vorbereitenden Diskussionen mit Schulklassen als wesentlich herausstellten: Warum haben alle mitgemacht? Warum gab es keinen Protest? Wussten die Menschen, was mit den Juden geschah? Im Anschluss an die Audioführung können einzelne Themenfelder mit Hilfe des begleitenden Unterrichtsmaterials differenziert nachbereitet und vertieft werden. Das Angebot richtet sich übrigens nicht nur an Gymnasiasten - es spricht Schülerinnen und Schüler aller Schulformen an.
Die nutzbaren Materialien des Projekts
 | Die Homepage... ist super gemacht, das Layout sehr ansprechend für Jugendliche. Die Beiträge sind leicht zu erfassen und machen neugierig. |
 | Die Audiobeiträge... sind jugendgerecht, sprechen an und machen betroffen. Hörpol "fordert dich heraus, hat Risiken und Nebenwirkungen, lässt dich zweifeln, wütend werden, tanzen , lachen - fragt dich, wer du bist." Dies trifft in jeder Hinsicht zu. |
 | Pädagogische BegleitmaterialienDie ergänzenden Unterrichtsmaterialien können von Klasse 9 bis 13 eingesetzt werden. Sie wurden vom Landesinstitut für Schule und Medien Berlin-Brandenburg (LISUM) gefördert. |
Internetadresse
 | www.hoerpol.de Das Projekt wurde von dem Journalisten Hans Ferenz konzipiert und produziert. Ein interessantes Projekt ist übrigens auch sein interaktiver Stadtführer über Berlin, der von und mit Jugendlichen produziert und ständig weiterentwickelt wird: www.goareas.de |
Fazit
Die Geschichten mit einem engen Bezug zur Lebenswelt von heutigen Jugendlichen schaffen Betroffenheit und viele werden sich der Aussage anschließen können "Hey, da haben wir nochmal Glück gehabt, ja - echt" Das denke ich auch bei meinem weiteren Bummel durch die Stadt: Glück gehabt, dass ich heute lebe.
Für meine Besucher(innen) habe ich ab jetzt einen neuen Programmpunkt: eine interessante Tour in die Geschichte und Gegenwart von Berlin Mitte.
Der Autor
Engelbert Michel ist Diplom-Informationswissenschaftler, Berater für eQualification und Qualitätsmanagement. Er lebt in Berlin.