26.05.2010 | Thomas Podhostnik
Hören bildet
In diesem Beitrag schildert der Autor seine Erfahrungen mit einer Lerngruppe, die verschiedene Audioprojekte realisierte und geht der Frage nach, was Hörprojekte eigentlich zu so intensiven Erlebnissen werden lässt.
Nach der Präsentation waren alle baff. Es herrschte eine Stille im Klassenzimmer, dass man eine Nadel hätte fallen hören können. Manch ein Jugendlicher hatte rote Ohren, sah verlegen vor sich auf die Tischplatte. Der Lehrer hatte Tränen in den Augen. Ich musste schlucken, mich räuspern, um den Frosch aus dem Hals zu bekommen. Dann bat ich die Schülergruppe, die gerade den Audioclip vorgestellt hatte, sich von den Plätzen zu erheben. Es folgte ein lang anhaltender Beifall.
Zu Beginn stand eine einfache medienpädagogische Aufgabenstellung: Die Klasse sollte in Kleingruppen von drei bis vier Schülern Audioclips von einer Minute Länge zu einem beliebigen Thema erstellen. Die Gruppe hatte eben ihren Clip zum Thema: "Amoklauf" vorgespielt. Sechzig Sekunden Geräusche, Musik, Sprache, montiert zu einer Audiocollage. Die Geräusche Schritte, Türen, Schreie, Polizeiansagen, Weinen, der Trauergottesdienst waren selbst aufgenommen. Auch der Slogan des Clips: "Welches Recht haben wir? – Wir haben das Recht auf Leben." Nur die Schüsse, die Sirenen und die Musik hatten die Schüler als Audiofiles aus dem Internet gesammelt, von Plattformen, die Audiomaterial kostenlos zur Verfügung stellen.
Nach dem Beifall sprach die Gruppe über ihre Intention und ihre Vorgehensweise bei der Erstellung des Clips. Der Rest der Klasse sprach über die Reaktionen, die der Clip bei ihnen ausgelöst hatte und auf welche Weise er das hatte tun können. Der Lehrer bat die Schüler darum, den Clip später noch mal im Lehrerzimmer in Anwesenheit des Kollegiums und des Schulleiters vorzustellen. Was als Reaktion auf den Clip gefehlt hatte: Gekicher und Desinteresse.
Wie konnte es sein, dass der von Schülern einer 8. Klasse in kurzer Zeit gefertigte Audioclip zu derartig ernsten emotionalen Reaktionen führen konnte, wenn wir doch in einer Medienwelt leben, in der uns jede Nachrichtensendung Zerstörung, Leid und Elend direkt ins Wohnzimmer bringt, Kinofilme uns in Bildwelten saugen, deren Produktion hunderte von Millionen Euro gekostet haben, das Internet das Erleben einer beinahe unbegrenzten Anzahl medialer Eindrücke fern jeglicher Tabus erlaubt?
Hören schafft Nähe trotz Distanz
Eine Gruppe Schüler stürmt zu mir ins Klassenzimmer. Eine Schülerin trägt einen MP3-Player mit Mikrofon bei sich, hält mir den Kopfhörer hin, sagt: "Hören Sie." Ich setze den Kopfhörer auf, höre Schritte im Schulgang, irgendwo wird gesprochen, ein Rufen vom Schulhof, dann das Öffnen einer Tür. Ich höre die Hand, die an die Klinke greift, die Mechanik des Schlosses, den Luftzug - hinter der Tür muss ein Fenster offen stehen. Fünf verschiedene Türen haben die Schüler aufgenommen, fünf verschiedene Höreindrücke, aus denen ich wählen soll. "Welche finden Sie am besten?"
Das Klicken eines Türschlosses, der Herzschlag, der Atemhauch eines Menschen, durch das Mikrofon herausgehoben aus der gewöhnlichen Lärmwelt, evozieren Intimität und Nähe. Fokussiert über den Kopfhörer schafft der bewusste Höreindruck außerdem Interesse und Konzentration. Wir hören und müssen uns ein Bild machen, um das Gehörte zu verstehen.
Der Ton als Zeichen
Der Höreindruck ist unaufdringlich in seiner Aussage, seine Symbolhaftigkeit geringer als die des Bildes oder des Wortes. Zum Beispiel kann das Wort Tür ohne Bezug zu einem Gegenstand einfach hingenommen werden, das Wort kann für alle oder nur eine bestimmte Tür stehen, das Wort ist unverbindlich. Erst im Sinn gebenden Kontext eines Satzes wird das Wort mit Bedeutung aufgeladen und führt zur Vorstellung einer sinnlichen Erfahrung: Die grüne Farbe an der alten Tür des Elternschlafzimmers blätterte schon ab.
Das kontextlose Bild einer Tür steht für einen bestimmten Türentypus, darüber hinaus kann es ein Symbol sein, zum Beispiel für den Notausgang. Bedeutsam wird das Bild erst als Erinnerungsbild (als Privatbild und als Bild aus dem kollektiven Bilderfundus unsere Medienwelt) oder ebenfalls im Kontext mit anderen Bildern, zum Beispiel im Film.
Das Geräusch einer sich schließenden Tür evoziert direkt Gedankenarbeit. Der Höreindruck ist ursprünglich und materiell. Ihm folgen das Wort und das Bild – der Zuhörer schafft sich ein Bild vom bewusst Gehörten. Ansonsten wird ihm das Gehörte nichts sagen, ohne seine Gedankenarbeit bleibt das Geräusch stumm. Zum Beispiel müssen Erfahrungen von Materialeigenschaften verglichen werden, um dem Höreindruck ein Bild zu geben: Welches Material klingt so? Der Mechanismus des Schließens muss imaginiert werden, um das Geräusch zu verstehen.
Was gibt dem Höreindruck die Eindringlichkeit?
Bewusstes Hören ist aktiver als sehen. Wir sehen viel den ganzen Tag, bewusst oder unbewusst, genauso ist es auch mit dem Hören. In beiden Fällen sortieren wir beständig die für uns wichtigen von den für uns unwichtigen Eindrücken aus. Also, kein Unterschied? Doch! In der Medienwelt dominiert vor allem das Bild als Bedeutungsträger.
Unentwegt werden wir durch die Medien dazu aufgefordert Inhalte über Bilder aufzunehmen: in der Werbung, der Unterhaltung, den Nachrichten. In einem Nachrichtenbeitrag werden etwa 70 Prozent des Inhalts auf der Bildebene vermittelt, die restlichen 30 Prozent über Sprache, Musik und Geräusche. Der inflationäre Einsatz von Bildern hat zur Entwertung des Bildes geführt. Wir gehen über Bildinhalte hinweg wie über Blätter in einem Herbstwald. Inwieweit kann ein Bild noch schockieren?! Dazu kommen die Möglichkeiten der Manipulation, die oftmals den Bildern ihre Authentizität geraubt haben. Dass wir glauben, was wir sehen – das gilt schon lange nicht mehr.
Das Geräusch birgt immer ein Geheimnis. Dem Geräusch wurde die Eigenschaft ein authentischer Beweis zu sein a priori in einem vergleichbaren Maße nie zugesprochen. Etwas bewusst anzuhören ist ein aktiver Vorgang, der Versuch dem Geräusch seine Bedeutung abzuringen. Dabei geht es viel weniger um die Erfahrung eines authentischen Ereignisses, als um die Erfahrung des eigenen Umgangs mit dem Geräusch: Was passiert mit mir, wenn ich das Geräusch höre?
Das Medium Audio eignet sich für Projekte mit Jugendlichen deshalb so gut, weil das bewusste Hören sie zu sich selbst führt. Über den aktiv gewonnen Höreindruck können Jugendliche ein distanziertes Bild der Umwelt und von sich selbst schaffen.
Der Autor
Thomas Podhostnik ist Autor, Film- und Hörspiel-Regisseur und Medienpädagoge.