20.04.2010 | Matthias Felling
Klare Regeln in der Handyordnung
Dürfen Teilnehmer zum Stützunterricht ein Handy mitbringen? Wenn ja, muss es dann ausgeschaltet sein? Und wie ist es in der betrieblichen Ausbildung? Gibt es Zeiten oder Orte, wo das Handy tabu ist? Klare Regeln zur Handynutzung helfen, damit aus den ständigen Begleitern keine steten Störenfriede werden.

Eine Handyordnung kann nicht nur dabei helfen, den Alltag zu regeln. Wenn Heranwachsende beim Aufstellen der Regeln beteiligt werden, lernen sie demokratische Prozesse kennen und übernehmen Verantwortung für ihr Handeln.
Sehr viele Schulen haben schon eine Handyordnung oder arbeiten gerade daran, eine passende Regelung zum Umgang mit Handys auf dem Schulgelände zu entwickeln. Oftmals wird die Nutzung von Handys während der Schulzeit grundsätzlich untersagt oder es werden bestimmte Zeiten und Ort benannt, an denen das Handy angeschaltet werden darf. Nur in Bayern ist ein generelles Nutzungsverbot von Handys über das Schulgesetz geregelt. Der Deutsche Lehrerverband kritisiert dieses Verbot von oben, weil jede Schule besser eine individuelle Regelung finden sollte.
Regeln gemeinsam finden
Zahlreiche Schulen haben sehr gute Erfahrungen damit gemacht, wenn eine Handy-Ordnung von LehrerInnen, Eltern und SchülerInnen gemeinsam erarbeitet wurde. Anders als vielleicht zu erwarten, sind SchülerInnen dabei durchaus bereit, klare Regeln aufzustellen. Eine Handyordnung, die gemeinsam erarbeitet wurde, kann von allen Beteiligten besser verinnerlicht werden. Die Regeln sorgen so für Transparenz und Gleichbehandlung.
Auch beim Übergang von der Schule in den Beruf stellt der Umgang mit dem Handy eine Herausforderung dar. Vor allem in der Vorbereitung auf einen Beruf müssen Heranwachsende lernen, die Nutzung des privaten Handys je nach Situation zu unterlassen, um sich auf eine konkrete Tätigkeit oder auf eine andere Person zu konzentrieren. Klare Regeln zur Handynutzung helfen auch hier, die passenden Umgangsformen zu finden. Idealerweise lässt sich dabei auf eine Handyordnung aufbauen, die Jugendliche von ihrer Schule kennen.
Teamfähigkeit, Verantwortung und Disziplin lernen
Die Auseinandersetzung mit dem Handy kann dabei helfen, grundlegende Kompetenzen zu fördern. Das passiert vor allem dann, wenn Heranwachsende bei der Gestaltung einer Handyordnung beteiligt werden. Durch das Aushandeln von Regeln wird an die Verantwortung der Einzelnen appelliert, ein angenehmes und respektvolles Miteinander zu gestalten. Zudem werden selbst auferlegte und in einem demokratischen Prozess entstandene Regeln oft besser akzeptiert, verstanden und eingehalten als von außen aufgezwungene Verordnungen.
Nicht nur Verbote, auch Gebote formulieren
Die Pädagogische Hochschule Zürich hat sich mit dem Thema "Handyordnung" beschäftigt. In ihrem Dossier zum Umgang mit Handys im Schulalltag finden sich auch einige grundlegende Fragen, die beim Aushandeln gemeinsamer Handyregeln geklärt werden sollten:
 | In welchen (schulischen und außerschulischen) Situationen ist was mit dem Handy erlaubt? |
 | In welcher Situation sind welche Funktionen erlaubt? |
 | Wie ist die Einhaltung der Regeln überprüfbar? |
 | Sollen Verbote, Gebote oder Handlungsempfehlungen sowie Beispiele formuliert werden? |
 | Welche Konsequenzen hat ein Verstoß gegen diese Regeln? |
 | Bei welchen Handlungen kann ein Handy eingezogen werden und für wie lange? |
 | Auf welchem Weg kann das Handy nach der Konfiszierung wieder in den Besitz der Jugendlichen kommen? |
Die Schweizer Pädagogen geben auch den Rat, dass in eine Handyordnung nicht nur Verbote aufgenommen werden sollten, sondern auch Gebote. So könnte also auch positiv beschrieben werden, wie Heranwachsende miteinander umgehen sollten. Solch eine Vereinbarung mit Regeln und Geboten könnte von allen Beteiligten als Selbstverpflichtung unterschrieben und ausgehängt werden.
Aufklärung über Rechtslage
Eine Handyordnung kann außerdem dazu genutzt werden, um Heranwachsende über rechtliche Hintergründe aufzuklären. Die meisten Handys haben heute eine Foto-, bzw. Videofunktion und können mobil ins Internet gehen. Bilder und Filme können somit in allen Lebenslagen erstellt und direkt im Netz veröffentlicht werden. Dabei werden jedoch schnell Persönlichkeitsrechte verletzt, denn ohne die Einwilligung der abgebildeten Person dürfen keine Aufnahmen veröffentlicht werden. Das Fotografieren auf der Toilette oder in anderen privaten Situationen ist sogar ein Eingriff in den höchstpersönlichen Lebensbereich. Dies ist auch ohne Veröffentlichung der Aufnahmen eine Straftat. Diese Rechtslage ist vielen Heranwachsenden jedoch nicht bekannt. Eine Aufklärung darüber kann auch durch die Handyordnung geschehen, wenn einige rechtliche Hinweise eingebaut werden. Dazu kann auch der Hinweis gehören, dass die Verbreitung von menschenverachtenden Gewaltvideos und Pornografie über das Handy nicht erlaubt ist.
Gewaltvideos auf dem Handy thematisieren
Das Aufkommen solcher Gewaltvideos auf Handys vor einigen Jahren war ein Grund, weshalb viele Schulen ein Handyverbot eingeführt haben. Ein Verbot hilft allerdings nur bedingt, der Situation gerecht zu werden. Natürlich haben Handys im Unterricht nichts zu suchen und auch auf dem Schulhof können sie für Unruhe sorgen. Wenn die Handys in der Tasche bleiben, sind die Probleme rund ums Thema Gewalt allerdings nur oberflächlich gelöst. So tauchen zum Beispiel auch an Schulen mit einem strikten Handyverbot problematische Videos auf, die per Bluetooth getauscht werden.
Neben einer klaren Regelung zum Umgang mit Handys ist hier eine weitere Auseinandersetzung mit dem Thema Gewalt wichtig. Jugendliche müssen eine Haltung entwickeln, um mit problematischen Inhalten umzugehen. Hier geht es um Respekt im Umgang miteinander. Ab wann werden Grenzen überschritten? Was verletzt andere Menschen? Bei dieser Diskussion um grundlegende Werte ist auch eine klare Haltung von Erwachsenen gefordert. Problematische Videos werden in der Regel nur von einer Minderheit aktiv verbreitet. Es gilt also die Mehrheit der Heranwachsenden zu stärken, die solche Videos ablehnen. Jugendliche brauchen Unterstützung, um eigenverantwortlich und kompetent mit mobilen Technologien umzugehen.
Lebenswelt Jugendlicher berücksichtigen
Die heutige Medienwelt macht es erschreckend einfach, problematische und bedenkliche Inhalte im Netz zu finden und zum Beispiel über das Handy zu verbreiten. Die Themen sind allerdings nicht neu: Gewalt ist ein Bestandteil jugendlicher Lebenswelten, wie auch der Umgang mit Sexualität. Das Austesten von Grenzen gehört zum Aufwachsen. Jede Generation hat das auf anderen Wegen gemacht, meistens begleitet mit Unverständnis der jeweiligen Elterngeneration. Die Diskussion über eine Handyordnung kann hier den Einstieg ermöglichen in eine grundsätzliche Auseinandersetzung über handlungsleitende Themen der Heranwachsenden.
Das Handy gehört für Heranwachsende heute zum Alltag. Es bietet viele Möglichkeiten zur kreativen und sinnvollen Nutzung, die auch Lernprozesse begleiten und unterstützen kann. Um das Handy im pädagogischen Kontext zu nutzen sind klare Regeln und Absprachen jedoch unerlässlich. Hier ist auch jeder Bildungsträger eingeladen, zusammen mit seiner jeweiligen Klientel eine passende Lösung zu finden.
Weitere Informationen zum Thema Handyordnung
 | Handy im Schulfeld Von der Pädagogischen Hochschule Zürich kommen praktische Tipps zum Einsatz des Handys in der Schule. Die Ideen zur Dokumentation der Lernerfahrungen mit dem Handy und die Empfehlungen zur demokratischen Erarbeitung von Handyregeln können auch auf außerschulische Kontexte übertragen werden. |
 | Tipps von Handysektor Beim handysektor finden sich viele weitere Tipps für den Einsatz des Handys in pädagogischen Einrichtungen. Die werbefreie Infoseite bietet u.a. auch Hintergrundinfos zum Thema "Gewalt auf Handys" |
 | Handyordnung Alfred-Teves-Schule Die Alfred-Teves-Schule in Gifhorn hat sich aufgrund ihrer aktiven Medienarbeit bundesweit einen Namen gemacht. Wegen sinkender Schülerzahlen soll die Grund- und Hauptschule allerdings im Sommer 2010 geschlossen werden. Die Handyordnung der Schule lässt sich über die Webseite des Lehrers Marcus Lüpke allerdings weiter abrufen. In der Handyordnung finden sich neben den Verhaltensregeln einige Hintergründe zur Handynutzung. |
 | Handyregeln aus dem Kanton Zug Die Stadtschulen Zug in der Schweiz haben eine differenzierte Handyordnung entwickelt. In dem "Handy-Knigge" wird unterschieden zwischen der Handynutzung in und außerhalb der Schule. Die Schüler erhalten Verhaltenstipps für ihren Alltag und erfahren rechtliche Hintergründe. |
Der Autor
Matthias Felling ist Journalist und Medienpädagoge und arbeitet unter anderem bei www.handysektor.de