01.10.2009 | Florian Reinacher
Handys in pädagogischen Kontexten
Das Mobiltelefon wird im pädagogischen Kontext oft noch als problematisch empfunden. Besonders die bildgebenden Funktionen der Handys, also Foto und Film, sind immer wieder Gegenstand öffentlicher Debatten. Wie und warum kann die Handykamera im pädagogischen Kontext sinnvoll integriert werden?
Das Mobiltelefon als Risiko
Das Handy ist ein Ärgernis. Schenkt man der jüngsten JIM Umfrage (2008) Glauben, so wurden 30% aller Handynutzer zwischen 12 bis 19 Jahren im eigenen Bekanntenkreis einmal Zeuge einer Gewalttat, die von den Umstehenden mit dem Mobiltelefon aufgezeichnet wurde. Seit 2004 wird das Phänomen "Happy-Slapping" in den Medien viel diskutiert. Dabei verabreden sich Jugendliche zu einem meist brutalen Überfall auf Passanten oder Mitschüler. Sie filmen dieses Geschehen mit der Handykamera, reichen dann die Bilder im Bekanntenkreis herum oder stellen sie ins Internet, wo potenziell jeder darauf zugreifen kann. Die Betroffenen werden durch diese ''Trophäen'' doppelt geschädigt - einmal körperlich und zum zweiten Mal durch die Veröffentlichung dieser erniedrigenden Taten. Letzteres bekommt dann besondere Brisanz, wenn der oder die Abgebildete im weiteren sozialen Umfeld der Täter vielen Personen bekannt ist: in einem bestimmten Wohnviertel zum Beispiel, oder eben auch in der Schule, auf der Arbeit oder am Ausbildungsplatz. Auch das Speichern und Tauschen weiterer problematischer Inhalte, wie Pornographie oder extremistisches Bild- und Tonmaterial, stellen dabei ein nicht zu unterschätzendes Risiko dar, das unter den Vorzeichen allgemeiner Vernetzbarkeit in Kauf genommen werden muss.
Eher "Alleskönner" als Telefon
Möglich wird dies überhaupt erst durch veränderte Technologien, die in den letzten Jahren Einzug gehalten haben. Heutige Handys sind an Funktionalität und Leistungsstärke längst nicht mehr an den backsteingroßen Funktelefonen messbar, mit denen vor knapp 20 Jahren der Boom der mobilen Telefonie begonnen hat. Neben der eben erwähnten Kamera, die Bilder und Filme aufnehmen kann, sind die Geräte in der Lage sich mit dem Internet, oder via Bluetooth untereinander zu verbinden. Das Abspielen von Musik, Spiele, Kalender- und Rechnerfunktionen gehören schon lange zum Standardrepertoire der multifunktionalen Alleskönner.
Handyverbot als Lösung?
Viele Bildungseinrichtungen versuchen, durch ein rigoroses Handyverbot dem unliebsamen Gebrauch des neuen Multifunktionsgeräts einen Riegel vorzuschieben. Man hat jedoch in vielen Bundesländern von einem allgemeinen Handyverbot an Schulen Abstand genommen, da die Institutionen meist vor erhebliche strukturelle Probleme gestellt waren, oder von Seiten der Eltern ein Handyverbot abgelehnt wurde.
Verbote sind meist ungeeignet, einen reflektierten Umgang mit dem Medium zu fördern. Und durch die Verbannung des Handys vergisst man die Chancen, die eine produktive oder kreative Nutzung des Mediums eröffnet.
Kreative Handynutzung wertschätzen

Dass es aber auch anders geht und man sich dem Phänomen "Handy" nicht nur unter Vorbehalt, sondern unter produktiven Gesichtspunkten nähern kann, zeigt sich an der zunehmenden Popularität von Handyfilmwettbewerben. Seit fünf Jahren gibt es einen bundesweiten Handyclipwettbewerb. Die bisherigen Ergebnisse veranschaulichen, dass die Jugendlichen in ihren Beiträgen auf ironische und nachdenkliche Weise die sie umgebende mediale Wirklichkeit überraschend reflektiert wahrnehmen, wenn ihnen eine entsprechende Plattform dafür geboten wird.
Warum die Erziehung zum souveränen Umgang mit dem Mobiltelefon wichtig ist?
Wie eingangs erläutert, sind es häufig die bildgebenden Funktionen, die dem Mobiltelefon immer wieder den Ruf eines problematischen Mediums eingebracht haben. Es käme jedoch dem Ansturm auf Windmühlen gleich, wollte man sich vormachen, Gewalt ließe sich aus der medialen Durchdringung des Alltags durch entsprechende Maßnahmen einfach fern halten. Das Medium unterscheidet nicht zwischen problematischen und nicht-problematischen Inhalten. Sofern also bei den Jugendlichen kein Verständnis für die Mechanismen vorhanden ist, denen beispielsweise die Veröffentlichung eines Gewaltvideos unterliegen, bleiben die Versuche das Problem in den Griff zu bekommen, lediglich ein gut gemeinter Vorsatz.
Umso wichtiger ist es dann aber, zusammen mit den Jugendlichen das Problem offensiv anzugehen und die vielbeschworene Medienkompetenz zu fördern. Nur wer die verschiedenen Möglichkeiten einer bestimmten Technologie kennt und die Chance bekommt, dieses Wissen auch produktiv zum Einsatz zu bringen, kann ein Verständnis für die Verantwortung ausbilden, welche der Umgang mit der neuen Technologie mit sich bringt.
Die Handykamera im kreativen Einsatz

Neben den Aspekten Gesundheit, Umwelt, Technologie, Wirtschaft und Politik ist also auch die konstruktive Auseinandersetzung mit den bildgebenden Funktionen ein wichtiges Feld im kompetenten Umgang mit dem Mobiltelefon. Als Basis dienen dabei freilich die Interessen der Jugendlichen. Ziele einer Erziehung zur Medienkompetenz im Bereich Foto und Film auf dem Handy sind unter anderem:
 | Schaffung eines technischen Verständnisses für digitale Fotographie |
 | Ein kreativer und gestalterischer Umgang mit der Kamera |
 | Kritisches Hinterfragen der sozialen Zusammenhänge |
 | Relativierung des Mobiltelefons als Statussymbol und Machtwerkzeug |
 | Erkennen und Analysieren von Genres |
 | Auseinandersetzung mit Themen der Jugendkultur |
 | Vermittlung sozialer Kompetenzen und Werte |
 | Ein Gespür für eine "Verantwortung des Bildes" |
Das Spektrum des Kameraeinsatzes reicht dabei von thematischer Bild- und Filmerstellung, über das Anlegen von abfotografierten Lernkarteien bis zur Entschlüsselung von QR-Codes. Entscheidend dabei sind die zugrunde gelegten Fragen. Wie funktioniert eigentlich eine Handykamera und wie lassen sich Bilder vom Handy ins Internet laden und umgekehrt? Wie lässt sich die Kamera für den Bildungsalltag gewinnbringend einsetzten? Wie lassen sich Filme und Bilder von verschiedenen Geräten zusammenstellen? In diesem Dossier werden hierzu ein paar Beispiele zur Anregung vorgestellt.
 | Das Handy als Lernmedium Ideen und Anregungen, wie man die verschiedenen Funktionen des Handys zu Lernzwecken einsetzen kann. |
Fazit
Man sieht, dass der Einsatz der Handykamera vielfältig und produktiv sein kann. Anstatt auf Verbote zu setzten, bringt es mehr, den Jugendlichen Alternativen zu einem reinen Spaßgebrauch des Handys aufzuzeigen und so die Medienkompetenz zu stärken. Ein souveräner Umgang mit der Handykamera kann zwar den Missbrauch nicht verhindern, er regt aber zum Nachdenken an und relativiert das Handy als reines Status. und Machtinstrument.
Über den Autor
Florian Reinacher, geboren 1979, studierte Literaturwissenschaft und Philosophie an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn. Zurzeit arbeitet er freiberuflich bei verschiedenen Onlineprojekten mit.