09.10.2009 | Ulrike Richter
Kompetenzen sichtbar machen durch eine FOTOSTORY
Praktika, Lernen in der Praxis, im Betrieb und in Werkstätten gehören inzwischen zum methodischen Repertoire in der Berufsorientierung und Berufsvorbereitung. Mit dem Konzept FOTOSTORY hat das Deutsche Jugendinstitut in Halle ein pädagogisches Werkzeug erprobt, mit dessen Hilfe die Lernpotenziale von Praktika für Jugendliche erschlossen werden können.
Die FOTOSTORY eignet sich für Gruppen im Alter von 14 bis 20 Jahren. Die jungen Menschen dokumentieren ihre Tätigkeiten, einzelne Arbeitsschritte und ihre Produkte mithilfe einer Digitalkamera. Die Fotos, die während der praktischen Arbeit aufgenommen wurden, bilden die Grundlage für die Präsentation vor den Mitschülern. Die Fotos vermitteln anschaulich, welche Fähigkeiten, Stärken und Kompetenzen die Jugendlichen besitzen und wie sie diese erworben haben, so dass die Jugendlichen in der Lage sind, auch gegenüber Dritten, zum Beispiel im Bewerbungsgespräch, ihre Fähigkeiten überzeugend darzustellen.
Ziele
Mit dem Konzept FOTOSTORY möchten wir erreichen, dass
 | die Praxisphasen so vor- und nachbereitet werden, dass die Teilnehmerinnen und Teilnehmer bestmöglich davon profitieren, |
 | die jungen Menschen befähigt werden, ihren Kompetenzerwerb zu erkennen, |
 | junge Menschen sich ihrer Fähigkeiten bewusst werden, |
 | sie gegenüber Dritten ihre Fähigkeiten beschreiben und plausibel begründen können. |
Die Anforderung bestand darin, ein für Jugendliche attraktives Vorgehen zu entwickeln, mit dem sie schnell vertraut sind und was ihnen Spaß macht. Die FOTOSTORY setzt erstens auf den Einsatz von Digitalkamera und Computer, mit denen Jugendliche täglich umgehen. Zweitens bietet das Fotografieren kreative Gestaltungsspielräume, die eigenen Beobachtungen mit anderen zu teilen.
Selbstgesteuertes Lernen
Mit ihrer FOTOSTORY zeigen die jungen Menschen ihre individuelle Sicht auf das, was sie selbst als bedeutsam einschätzen. Mit der Methode FOTOSTORY geben wir den Jugendlichen ein Werkzeug in die Hand, ihr Lernen zu dokumentieren und für sich selbst und andere sichtbar zu machen. Sie werden befähigt, ihre eigenen Lernwege, ob absichtsvoll oder beiläufig, wahrzunehmen und bestenfalls zukünftig selbst zu steuern.
Einsatzfelder in Berufsorientierung und Berufsvorbereitung
Die FOTOSTORY eignet sich für Schülerinnen und Schüler ab der 7. Klasse im Rahmen der Schülerpraktika sowie für Jugendliche in der Berufsvorbereitung. Das Konzept kann fächerverbindend eingesetzt werden. So lassen sich Bezüge zu den Lerninhalten der Unterrichtsfächer Deutsch, Informatik, neue Medien und Technik herstellen. Das Konzept ist auf alle Situationen übertragbar, in denen Jugendliche praktisch arbeiten. Die Praxis bietet eine Fülle informeller, ungeplanter Lernmöglichkeiten. Ausdrücklich empfehlen wir die Anwendung in der Berufsvorbereitung, beim Arbeiten in trägereigenen Werkstätten sowie in betrieblichen Praktika.
Vorgehen
Materialsammlung
Die Jugendlichen fotografieren während ihres Arbeitseinsatzes ihre Tätigkeiten, Zwischenergebnisse, Produkte und das Arbeitsumfeld. Auf Arbeitsblättern machen sie zu den einzelnen Arbeitsschritten Notizen. Denkbar wäre an dieser Stelle ein Lerntagebuch, um den Ablauf eines Arbeitstages zu dokumentieren. So könnte die FOTOSTORY als digitales Tagebuch aussehen: ein Webblog mit Fotoalbum, kurzen Filmen und Einträgen, kommentiert von den Mitschülern.
Zusammenstellung eines Portfolios
Am Ende der Praxisphase verfügen die Jugendlichen über eine beträchtliche Anzahl von Fotos, die ihre praktischen Erfahrungen widerspiegeln. Die Fotos, Arbeitsblätter und andere Materialien werden in einem Portfolio gesammelt. Das Portfolio ermöglicht nicht nur den Jugendlichen, ihre Lernschritte nachzuvollziehen, es ist auch ein aussagekräftiges Mittel, um im Bewerbungsgespräch die eigenen Fähigkeiten gegenüber Dritten zu illustrieren.
Vorbereitung der Präsentation
Nach Abschluss der Praxisphase bereiten die Jugendlichen ihre Präsentation ausgewählter Fotos vor ihren Mitschülern vor. Sie wählen etwa fünf aussagekräftige Fotos aus, anhand dessen sie ihren Mitschülern ihre FOTOSTORY erzählen. Für die Vorbereitung der Präsentation sollte ausreichend Zeit zur Verfügung stehen und individuell beraten werden.
Refelexionsprozesse anregen
In der Auswahl geeigneter Fotos sehen wir den Kern der Methode. Der eigentliche Reflexionsprozess besteht darin, zu entscheiden, welche Motive am aussagekräftigsten sind. Die jungen Menschen bilden dazu implizite Kategorien, welche Bilder sich am besten eignen. Im günstigsten Fall ist es für Außenstehende möglich, anhand der ausgewählten Fotos, die ihnen zugrunde liegenden Kategorien zu erkennen.
Präsentation
Die Fotos werden an eine Wandfläche projiziert. Die Präsentation kann auch umfangreicher ausfallen, wenn am Rechner eine eigene Präsentationsdatei beispielsweise mit PowerPoint oder Keynote vorbereitet wird. Die Datei kann nun auch Filme, Bildunterschriften und anderes Material umfassen.
Abschließende Diskussion
Unterstützende Fragen im Anschluss an den Vortrag befördern den Austausch: Was war neu für dich? Was hat besonders Spaß gemacht und warum? Was kannst du nun besser als zu Beginn des Praktikums?
Erfahrungen und Tipps
 | Die Jugendlichen sind in der Lage, frei und umfangreich über ihre Erfahrungen im Praktikum zu sprechen. Die Jugendlichen sind gespannt bei der Sache und folgen interessiert den Vorträgen. Für sie ist die FOTOSTORY ein attraktives Vorgehen, sich mit ihren Arbeitserfahrungen zu beschäftigen. |
 | Jugendliche wählen für ihre Präsentation auch weniger technisch gelungene Fotos aus, weil sie meinen, daran etwas anschaulicher erläutern zu können als an einem, für den Außenstehenden, perfekten Bild. |
 | Im Bewerbungsgespräch haben die Jugendlichen einen Wettbewerbsvorteil, wenn sie anhand von Fotos zeigen können, welche Tätigkeiten sie bereits ausgeführt haben. Wenn Sie darüber hinaus auch beschreiben können, welche Fähigkeiten sie in welchen Kontexten erworben haben, hinterlassen sie einen überaus positiven Eindruck bei den Ausbildungsbetrieben. |
 | Alle Beteiligten sollten über eine Digitalkamera verfügen. Wir empfehlen, das private Mobiltelefon mit Kamerafunktion zu benutzen. Einige Medienstellen verleihen auch Digitalkameras im Klassensatz. Eine Mischung aus privaten Kameras, eigenem Mobiltelefon und geliehenen Kameras erweist sich dabei als realistisch. |
 | Die FOTOSTORY eignet sich für einen fächerübergreifenden Unterricht: Deutsch: Was gehört in eine Erzählung? Wie ist eine Erzählung aufgebaut? Informatik/ Medien: Wie erstelle ich eine Präsentation, wie bearbeite und integriere ich Fotos, Filme, Audiodateien? Wie sortiere ich Fotos in einer Datenbank? |
 | Interessant erscheint die Idee eines Lerntagebuchs in Form eines E-Portfolios im Internet. Auf einer Lernplattform (Social Network Software) gestalten die Jugendlichen eine eigene Website, einschließlich mit Blog, Galerie, Kommentarfunktion etc. |
Internetadresse
 | www.iconet-eu.net Die FOTOSTORY ist ein Ergebnis des EU-Projektes ICONET. An dessen Umsetzung waren 11 europäische Partner im Rahmen eines zweijährigen Leonardo-Pilotprojekts beteiligt, koordiniert vom Deutschen Jugendinstitut e. V. in Halle. Das Ziel bestand darin, informell erworbene Kompetenzen von benachteiligten Jugendlichen sichtbar zu machen, Instrumente zu entwickeln und zu verbreiten. |
Die Autorin
Ulrike Richter ist wissenschaftliche Referentin am Deutschen Jugendinstitut e.V. im Forschungsschwerpunkt "Übergänge im Jugendalter" in Halle/Saale. Sie hat das Projekt ICONET koordiniert.