19.10.2008 | Wolfgang Schmitt-Kölzer
celeco - Richtig lesen lernen
Eine Lese- und Rechtschreibschwäche kann vielfältige Ursachen haben, denn das Lesen ist ein komplexer Prozess, der aus vielen einzelnen Teilleistungen besteht. Bei der Diagnose der Lesestörung, aber auch bei der Behebung einer Teilleistungschwäche, kann die Software celeco eine wirkungsvolle Unterstützung bieten.
Der Neuropsychologe Reinhard Werth vom Münchner Institut für soziale Pädiatrie und Jugendmedizin hat celceco entwickelt. Er hat nach umfangreichen Forschungen auf dem Gebiet rund 14 Untergruppen von Lesestörungen definiert. Das PC-Lernprogramm soll helfen, diese Störung zu diagnostizieren und durch Übungen gezielt anzugehen. Es ist geeignet für Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit Legasthenie und anderen Lesestörungen und daher auch sinnvoll für Jugendliche in der Berufsvorbereitung, die Lesestörungen aufweisen. Die Software kann sowohl im therapeutischen Kontext, als auch - unter Anleitung - als Lern- und Übungsinstrument eingesetzt werden. In diesem Artikel wird das so genannte Übungs-Set vorgestellt. In der Profi-Version können zusätzliche Hausaufgaben erstellt werden.
Die Inhalte
Die Software besteht aus den beiden Hauptbereichen "Unterricht" und "Texte lesen". Der Bereich Unterricht besteht aus einem Training zum "Erkennen auf einen Blick" und zum "Blicksprung", der Bereich "Texte lesen" fördert die Entwicklung von Lesestrategien durch systematische "Augenbewegungen", "Verhinderung von Regressionen" sowie "Verhinderung von zu frühem Blicksprung". In einem ergänzenden Kapitel bietet die Software dem Pädagogen die Möglichkeit, eigene Wortlisten oder Lesetexte zu integrieren.
Bereich Unterricht
Erkennen auf einen Blick
Das Erkennen auf einen Blick, das heißt das Erkennen einzelner Buchstaben, Buchstabengruppen und Wörter verschiedener Länge im Bruchteil einer Sekunde, erfordert intensives Training. Flüssiges Lesen setzt voraus, dass wenigstens vier Buchstaben "auf einen Blick" erkannt und bei einer Einblendzeit von etwa 200-300 ms ausgesprochen werden können.
Übungsmodi
Es kann aus zwei Übungsmodi ausgewählt werden: Im betreuten Modus kontrollieren die Betreuenden die Richtigkeit, im selbstständigen Modus üben die Lernenden alleine und der Computer stellt die Richtigkeit der Auswahl (Multiple-Choice) beziehungsweise der Eingabe fest.
 | Betreutes LernenEine Übung kann wie folgt aussehen: Zunächst erscheint auf dem Bildschirm eine Markierung (farbiger Balken), auf die die Lesenden ihren Blick richten sollen. Durch Drücken der Leertaste durch den Pädagogen erfolgt die kurzzeitige Einblendung eines Buchstabens, einer Buchstabengruppen (zum Teil aus speziellen Problembereichen von legasthenischen Jugendlichen) oder eines Wortes. Unmittelbar im Anschluss sprechen die Lesenden laut und deutlich aus, was sie erkannt haben. |
 | Selbstständiges ÜbenBeim selbstständigen Üben wählen die Lesenden nach der Einblendung entweder aus einer Auswahl das Richtige aus oder schreiben das Gesehene nach. |
Variabler Schwierigkeitsgrad
Der Schwierigkeitsgrad der Übung variiert je nach Länge und Komplexität der Wörter oder etwa der Dauer der Einblendung. Die Einblendezeit soll zwischen 50 und 1000 Millisekunden liegen, damit die Inhalte auf einen Blick und nicht buchstabierend erkannt werden. Dies kann manuell eingestellt werden.
Erkennen nach Blicksprung
Hier wird untersucht, ob die zuvor festgestellten Kompetenzen auch noch nach einem erfolgten Blicksprung (als Grundlage des Lesens von Texten) gegeben sind.
 | Variante einsZunächst wird in der linken Bildhälfte eine leere, farbig hinterlegte "Fixationsmarke" präsentiert, die vom Lesenden fixiert werden soll. Durch Drücken der Leertaste erscheinen auf der rechten Bildhälfte die Buchstaben/Wörter. Die Lesenden blicken jetzt nach rechts, das heißt sie führen einen Blicksprung aus und lesen das Wortsegment laut vor. Dieses Vorgehen wird mit immer kürzeren Pausen- und Darbietungszeiten wiederholt. |
 | Variante zweiHier wird die Erkennungsleistung durch ein zuvor fixiertes Wort erschwert. Die zuvor leere Fixationsmarke wird jetzt mit einem Buchstaben oder einer Buchstabenkombination gefüllt. Der weitere Verlauf der Übung ist gleich. Durch dieses Verfahren kann ein schnellerer Wechsel vom einen zum anderen Wort trainiert werden. |
Texte lesen
Dieser Übungstyp ist für alle Lernenden der schwierigste, denn das Lesen von Texten baut auf zuvor einzeln geübten Teilleistungen auf und erfordert deren koordinierte fehlerfreie Abfolge.
Den Lernenden stehen hier insgesamt 19 Texte zur Verfügung, die meist aus mehreren Kapiteln bestehen. Sie sollten zunächst mit der Lesestufe "Augenbewegungen" beginnen. Hier lesen die Lernenden in einem längeren Text nacheinander einzelne Textbausteine. Der Sprung zur nächsten Texteinheit kann manuell über die Tastatur oder automatisch erfolgen. Die zu lesenden Textstellen können unterschiedlich lang gewählt und farbig hinterlegt werden, auch ist die Lesegeschwindigkeit einstellbar. Nach der Bearbeitung eines Textes können die Lernenden inhaltliche Vertiefungsfragen beantworten.
Modul: "Regressionen verhindern"
Die Software bietet zwei mögliche Interventionen in den Leseprozess: Lesen die Übenden schneller als durch den Cursor vorgegeben und machen dabei entsprechende Fehler, so sollte der Text rechts blasser eingestellt oder ganz ausgeblendet werden, um den zu frühen Blicksprung zu verhindern. Lesen die Übenden stockend, korrigieren bereits gelesene Wörter häufig, so sollte der Text links blasser eingestellt oder ganz ausgeblendet werden.
Lernerfolgskontrollen
Im Kapitel Unterricht erfolgt eine sofortige Fehlerrückmeldung und am Ende jeder Übung wird eine animierte Balkenstatistik aufgebaut, die die Anzahl der richtig und falsch bearbeiteten Sequenzen anzeigt. Falsch ausgewählte oder eingetippte Wörter werden in einem Ordner "zu wiederholende Wörter" gespeichert. Bei richtiger Eingabe werden die Wörter wieder automatisch entfernt. Im Übungsteil "Texte lesen" gibt es zur Belohnung Bonuspunkte. Dies ist eine nette Sache zur Stärkung der Lernmotivation.
Usability
Das Programm ist sehr einfach zu bedienen. Die Baumstruktur im linken Fenster beschreibt die Hauptmenüpunkte der Lernsoftware. Wird dort ein Bereich ausgewählt, öffnet sich ein weiteres Fenster mit den Auswahl- und Einstellmöglichkeiten. Die erforderlichen Einstellungen wie Wortlistenauswahl, Dauer der Wortanzeige, Lesegeschwindigkeit und Wortsegmentierung können auf sehr einfache Weise vorgenommen werden. Die "Übungssequenz" beziehungsweise "Lesesequenz" wird durch Drücken des Buttons "jetzt üben" gestartet. Die Übungen selbst werden in einem den gesamten Bildschirm einnehmenden Desktop absolviert.
Das Handbuch enthält übrigens einen Hinweis für Epileptiker, vor Nutzung des Programms einen Arzt zu konsultieren, weil die kurzzeitigen Darbietungen unter Umständen Krämpfe auslösen können.
Einsatzmöglichkeiten
 | Die Software kann das Fachpersonal in der Berufsvorbereitung bei Diagnose und Therapie von Lesestörungen im Rahmen der individuellen Kompetenzfeststellung und der Kompetenzerweiterung unterstützen. |
 | Durch das didaktische und medientechnische Konzept des Programms können die Jugendlichen – vorrangig im Kapitel "Unterricht" - auch selbstständig arbeiten. Dabei ist aber eine intensive Lernbegleitung und –beratung erforderlich, um die Lernfortschritte sicherzustellen und damit weder Unter- noch Überforderung eintritt. Diese Begleitung ist im Kapitel "Texte lesen" unabdingbar. |
 | Beim selbstständigen Üben wird vermutlich die individuelle Einzelarbeit im Vordergrund stehen. Denkbar wäre aber auch die Nutzung durch zwei Jugendliche. |
 | Die in der Profi-Version mögliche Erstellung der so genannten "Hausaufgabe" ermöglicht den Jugendlichen die Nutzung des Programms auch außerhalb der Bildungseinrichtung. |
Kurzinformation
| Titel | celeco - Richtig Lesen lernen |
| Herausgeber | celeco GmbH |
| Bezugsquelle | www.celeco.de |
| Preis | Übungs-Set für Lernende (unbefristet für 1 PC) 99 Euro, weitere Preise unter Bestellung |
| Technische Voraussetzungen | Programm-Version 3.0.1. Windows 95/98/NT 4.0, ME, 2000, XP, Pentium 100 MHz, 32 MB RAM, 256 Farben bei 800 x 600 Bildpunkten, empfohlen 1024 x 768 Bildpunkte, CD-ROM-Laufwerk. |
Fazit
Das Programm ist empfehlenswert. Es hat mir ausgesprochen gut gefallen und ist technisch zuverlässig und selbsterklärend. Die verständlich geschriebenen und pädagogisch fundierten Anleitungstexte sind wertvoll. Das integrierte Handbuch hat eine hohe Qualität. Programmbedienung und Programmaufbau sind lernförderlich. Auch die verschiedenen Übungsmodi bieten Vorteile. Das Programm wurde für den Deutschen Bildungssoftware-Preis (digita) nominiert - aus meiner Sicht hätte es auch ausgezeichnet werden müssen.
Weitere Informationen
 | www.ich-will-lernen.de Der Deutsche Volkshochschul-Verband bietet dieses Lernportal für gering qualifizierte Erwachsene mit Angeboten zum Lesen-, Schreiben- und Rechnenlernen. Die Nutzung ist kostenfrei. |
 | Ganzwort.de Ein Leselehrgang, der von einem erfahrenen Sonderschullehrer für Schülerinnen und Schüler mit geistiger Behinderung und/oder autistischem Lernverhalten entwickelt wurde. |
Der Autor
Wolfgang Schmitt-Kölzer ist Lehrer und Erwachsenenbildner und seit 1987 in der außerschulischen beruflichen Bildung in Wittlich (Rheinland-Pfalz) tätig.
(Bildnachweis: © JupiterImages)