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10.05.2012 | Michael Schaten, Björn Fisseler

Barrierefreies E-Learning - Online-Lernen ohne Ausschluss

E-Learning ist heute für viele Menschen ein komfortables und flexibles Instrument zur beruflichen Qualifizierung. E-Learning wird sowohl in der beruflichen Aus- als auch in der Weiterbildung genutzt (Dittler 2009). Auch für Menschen mit Behinderung bietet E-Learning Teilhabechancen – wenn es barrierefrei nutzbar ist.

Anforderungen an eine barrierefreie, webbasierte IKT-Lösung definiert die Arbeitsgruppe "Web Accessibility Initiative (WAI)" (WAI 2011) des "World Wide Web Consortiums (W3C)" (W3C 2011). Die im Dezember 2008 veröffentlichten "Web Content Accessibility Guidelines WCAG 2.0" sind der Standard für die barrierefreie Gestaltung von webbasierten Inhalten (W3C 2008). Die Gliederung der WCAG 2.0 orientiert sich an den vier zentralen Aspekten barrierefreier Informationstechnik:

 
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Wahrnehmbarkeit

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Bedienbarkeit

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Verständlichkeit

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Robustheit

Im Kontext von barrierefreiem E-Learning reicht diese technische Betrachtung nicht aus. Die Liste muss daher ergänzt werden, nämlich um

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eine entsprechende pädagogisch-didaktische Gestaltung

Dazu zählen zum Beispiel barrierefreie Kommunikationsinstrumente (Foren, Chats et cetera) oder das Angebot alternativer Lerninhalte (zum Beispiel ein Transkript eines Videos).

Wahrnehmbarkeit

Text-Alternativen für Nicht-Text-Inhalte und zeitbasierte Medien

Multimedia-Elemente wie etwa Videos, Bilder und Podcasts steigern die Motivation und den Lernerfolg von E-Learning-Inhalten und sind daher bei Lehrenden und Lernenden gleichermaßen beliebt (Weidemann 2009). Diese Inhalte stellen aber mögliche Barrieren dar: Können blinde Lernende ein Video nicht sehen oder gehörlose Lernende einen Podcast nicht hören, ist die mit diesen Medien vermittelte Information für diese Menschen nicht erreichbar.

Achten Sie daher als E-Learning-Autor(in) darauf, dass für jeden Nicht-Text-Inhalt eine entsprechend universell zugängliche Alternative bereitsteht. Für Bilder sollte daher immer ein sogenannter Alternativtext angegeben werden. Die Information der Grafik liegt damit auch in Textform vor und kann durch assistive Technologien (zum Beispiel eine Sprachausgabe) erfasst werden. Komplexe Abbildungen wie Diagramme sollten im Fließtext beschrieben werden.

Die akustisch vermittelte Information eines Podcasts kann in einem sogenannten Transkript als Text bereitgestellt werden. Das Transkript bietet verschiedene Vorteile:

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Text ist universell und plattformunabhängig verwendbar, es werden keine besonderen Anforderungen an die Soft- oder Hardware  gestellt

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Text können die Lernenden in ihrer individuellen Geschwindigkeit lesen

Videos enthalten auditive und visuelle Informationen, für die Textalternativen angeboten werden müssen. Für die auditiven Informationen werden Untertitel verwendet, eine Beschreibung der visuellen Informationen kann durch eine Audiodeskription erfolgen. Eine beispielhafte barrierefreie Umsetzung eines Videos enthält die folgende Seite: wob11.de

Verschiedene Präsentationsweisen

Die Lerninhalte sollten unabhängig von einer konkreten Lernumgebung zugänglich sein, daher sollte die optische Gestaltung vom Inhalt getrennt werden. Zu diesem Zweck ermöglicht HTML einzelnen Elementen eine Bedeutung zuzuweisen, zum Beispiel als Überschrift, Liste oder Absatz. Diese semantische Bedeutung von Inhalten kann von allen Geräten, insbesondere von assistiven Technologien, erkannt und entsprechend interpretiert werden.

Unterscheidbarkeit von Vorder- und Hintergrund

Die Lerninhalte sind das zentrale Element beim E-Learning und sollten daher gut wahrnehmbar sein. Dies beschränkt sich nicht auf die optische Gestaltung allein, zum Beispiel durch die Einhaltung ausreichend hoher Kontraste zwischen Vorder- und Hintergrundfarbe. Schriftgrafiken und automatisch abgespielte und ablenkende Audioinhalte sollten Sie vermeiden. Ein variables Design, bei dem die Schriftgröße anpassbar ist, erleichtert zudem die Wahrnehmung der relevanten Inhalte. Auch beim Einsatz von Multimedia sollte eine klare Unterscheidung zwischen relevantem und übrigem Inhalt möglich sein.

Bedienbarkeit

Tastaturbedienbarkeit

Manche Anwender(innen) können oder wollen keine Computer-Maus benutzen: Dazu gehören auch Menschen, die aufgrund einer motorischen Einschränkung ausschließlich die Tastatur nutzen können. Daher müssen alle Lerninhalte und Aktivitäten auch per Tastatur zugänglich sein. Dabei müssen nicht nur alle Elemente per Tastatur auswählbar sein (zum Beispiel Hyperlinks oder Bedienelemente), es dürfen auch keine "Tastaturfallen" existieren. Damit sind Elemente gemeint, die fokussiert ohne Einsatz eines anderen Eingabegeräts (zum Beispiel per Maus) den Fokus nicht wieder verlieren.

Kein Zeitdruck

Zeitgesteuerte Inhalte sollten Sie so gestalten, dass die Lernenden sie in ihrer individuellen Geschwindigkeit bedienen und wahrnehmen können. Dazu gehört insbesondere das Pausieren und Wiederholen von Inhalten, zum Beispiel bei einem Video. Ablenkende Elemente sollten ausgeblendet werden können. Dazu zählen beispielsweise automatisch startende Animationen. Elemente, die sich automatisch periodisch aktualisieren, sollten beendet werden können oder die Häufigkeit der Aktualisierung sollte einstellbar sein, zum Beispiel bei einem Chat.

Flackern vermeiden

Durch hochfrequentes Blitzen und Flackern kann bei fotosensitiver Epilepsie ein Anfall ausgelöst werden. Vermeiden Sie daher entsprechende Elemente.

Navigationshilfen

Moderne E-Learning-Umgebungen bilden durch ihren weiten Funktionsumfang ein komplexes System, daher müssen die Anwender(innen) durch Navigationshilfen unterstützt werden. Insbesondere Menschen, die alternative Ein- und Ausgabegeräte verwenden, sind auf verschiedene unterstützende Elemente angewiesen.
So profitieren zum Beispiel blinde und sehbehinderte Anwender(innen) von einer klaren Überschriftenstruktur und aussagekräftigen Linktexten auf einer Seite. So können sie rasch die für sie relevanten Informationsblöcke und Links identifizieren und gezielt ansteuern. Hilfreich ist auch ein ergänzender Mechanismus zum Überspringen einzelner Blöcke, um Inhalte schnell durchgehen zu können.

In jedem Fall muss (auch optisch) erkennbar sein, wo sich der aktuelle Fokus befindet. Dies kann beispielsweise durch eine entsprechende Formatierung erreicht werden. Die Reihenfolge, in der die einzelnen Seitenelemente angesteuert werden, sollte sich an der typischen Lesereihenfolge orientieren, also im europäischen Raum von links nach rechts beziehungsweise von oben nach unten.

Unabhängig von einer Behinderung sollten stets verschiedene Möglichkeiten existieren, einen Inhalt anzusteuern. Neben einer thematischen oder einer zeitlichen Gliederung sollte es auch möglich sein, einen Lerninhalt durch einen individuellen Lernpfad oder über eine Sitemap zu erreichen.

Vergeben Sie für verschiedene Seiten einer Lernumgebung einen individuellen Seitentitel. Dies erleichtert die Bedienung, falls Anwender(innen) Lesezeichen im Browser anlegen und darüber navigieren.

Verständlichkeit

Lesbare und verständliche Textinhalte

Für den Lernerfolg in einer E-Learning-Umgebung ist die Verständlichkeit der Lerninhalte entscheidend (Schnotz 2009). Die verwendete Sprache sollte dem Thema und dem Leistungsvermögen der Lernenden angemessen sein. Erklären Sie daher Fach- oder Fremdwörter und Abkürzungen bei ihrem ersten Auftreten. Viele Lernmanagementsysteme bieten zu diesem Zweck Glossare an, die Begriffe mit ihren Erklärungen verknüpfen.

Für Menschen, die eine Sprachausgabe nutzen, ist es erforderlich, dass die Hauptsprache des Textes im Quellcode angegeben wird. Auch Sprachwechsel im Fließtext, zum Beispiel bei der Verwendung eines englischsprachigen Begriffs innerhalb eines deutschen Textes, müssen entsprechend ausgezeichnet sein. Andernfalls kann die Sprachausgabe das Fremdwort nicht mit der korrekten Betonung ausgeben und es kann nicht durch die Anwender(innen) verstanden werden.

Vorhersehbares Verhalten

Eine intuitive Bedienung der Lernumgebung hilft den Lernenden, sich in der Lernumgebung auf das Lernen zu konzentrieren. Die Lernumgebung sollte sich daher an entsprechende Richtlinien und Empfehlungen zur Softwareergonomie orientieren, zum Beispiel (CEN 2006).

Funktionen zur Fehlervermeidung und -korrektur

Die Lernumgebung sollte ihre Nutzenden bei Fehlern unterstützen. Bei einem fehlerhaft ausgefüllten Formular sollten bei der Auswertung die Fehler deutlich angezeigt werden. Schlagen Sie ergänzend – sofern es nicht im Widerspruch zur Funktion des Formulars steht (zum Beispiel bei einem Test) – mögliche Lösungen vor. Darüber hinaus sind konkrete Hilfeseiten sinnvoll, die im Idealfall kontextsensitiv Unterstützung anbieten.

Robustheit

Kompatibilität mit aktuellen und zukünftigen Technologien

Niemand weiß, welche Technologie morgen oder übermorgen genutzt wird. Da E-Learning-Inhalte längerfristig genutzt werden, ist es sinnvoll, dafür weit verbreitete Standards wie HTML zu nutzen und Inhalte in standardisierten Formaten abzulegen (SCORM, IMS Common Cartridge u.ä.). Diese Formate ermöglichen den Austausch und Betrieb der erstellten Lerninhalte in verschiedenen Lernumgebungen. Weitgehende Informationen zu Lernstandards vermittelt die folgende Seite: www.adlnet.gov

Pädagogisch-didaktische Gestaltung

Erfolgreiche E-Learning-Angebote zeichnen sich dadurch aus, dass sie Lernenden nicht bloß Selbstlernmaterialien zum Download zur Verfügung stellen. Sie ermöglichen die aktive Konstruktion von Wissen durch die Kommunikation zwischen Lehrenden und Lernenden, sowie die Überprüfung des Erlernten durch angemessene Lernerfolgskontrollen. Der Einsatz dieser Aktivitäten erfordert dieselben pädagogisch-didaktischen Überlegungen wie sie auch bei der klassischen Präsenzlehre berücksichtigt werden. Ergänzend müssen sie in einer Form eingesetzt werden, die es auch Lernenden mit Behinderung erlaubt, eigenständig daran teilhaben zu können (Fisseler, 2010).

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1. Stellen Sie mehrere Möglichkeiten der Darbietung zur Verfügung

Aufgrund der Heterogenität der Lernenden – unabhängig von einer etwaigen Behinderung – gibt es keine optimale Darstellungsform für Informationen. Bieten Sie daher die Informationen  multimodal aufbereitet an.

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2. Stellen Sie mehrere Möglichkeiten des Ausdrucks zur Verfügung

Lernende präferieren unterschiedliche Wege sich auszudrücken, zum Beispiel in Form von Text oder freier Rede; ermöglichen Sie es ihnen daher, sich bei der Bearbeitung von Aufgaben in ihrer bevorzugten Form äußern zu können.

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3. Stellen Sie mehrere Möglichkeiten zur Beteiligung zur Verfügung

Auch im Hinblick auf die Motivation sollten die verschiedenen Vorlieben der Lernenden berücksichtig werden; so kann manche die Aussicht auf neue Lerninhalte motivieren, während andere eher die Routine im Lernerlebnis bevorzugen.

Gerade UDL bietet viele Möglichkeiten, die Bedarfe von Lernenden zu berücksichtigen. Ausführliche Informationen dazu finden Sie im Internet unter dem folgenden Link: www.udlcenter.org

Fazit

Während im Hinblick auf die technischen Aspekte von barrierefreiem E-Learning bereits zahlreiche etablierte Richtlinien existieren, werden die pädagogisch-didaktischen bisher in der Literatur weitgehend vernachlässigt. Eine rein technische Betrachtung von E-Learning ist aber nicht ausreichend, da die Technik in diesem Kontext lediglich als "Mittel zum Zweck" zu betrachten ist und nicht im Mittelpunkt stehen sollte. Stattdessen muss in Zukunft ein stärkerer Fokus auf pädagogische Merkmale barrierefreier E-Learning-Angebote gelegt werden.

Die Autoren

Michael Schaten ist Diplom-Informatiker, Björn Fisseler hat Sonderpädagogik studiert. Beide arbeiten zum Thema Barrierefreiheit und E-Learning im Projekt ELoQ - E-Learningbasierte Logistik Qualifizierung an der TU Dortmund.

 
 
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